Jäger Reg. 2 Alpenkorps 16. März 1916
Euere Excellenz
waren so gütig, mir Ihr Buch zu schicken, in dem Sie den Weltkrieg im Lichte Ihrer Philosophie betrachten. Ich habe das Buch erst kürzlich im Feld vorgefunden, nachdem ich von meinem Urlaub nach der Heimath zu meinem Regiment zurückgekehrt war. Leider habe ich noch nicht die Ruhe gefunden, ein so ernstes Werk durchzunehmen, aber ich sage Ihnen meinen herzlichen Dank dafür, daß Sie es mir haben zukommen lassen.
Wir stehen jetzt im nördlichen Makedonien, in Stip, und könnten in 3 Tagesmärschen an der Griechischen Grenze sein. Unseren Standort darf ich Ihnen verrathen, da wir jedenfalls weiter sein werden, wenn diese Zeilen in Ihre Hände kommen. Der Vormarsch ging nur sehr langsam von statten, weil das gesammte deutsche Heer auf eine Landstraße ‒ u. zwar eine sehr schlechte ‒ und eine sehr dürftige Bahn angewiesen ist. Militärisch erlebte man, seit die Serben vernichtet waren, sehr wenig, aber als Reise betrachtet, hat unsere Expedition sehr viel Schönes u. Interessantes geboten. || Die Landschaft in Serbien wie in Makedonien ist eine ganz großartige, an Sizilien und Griechenland erinnernd, und man hat die Genugthuung, in Gegenden zu kommen, die vordem kaum der Fuß eines Westeuropäers betreten hat. Stip z. B. wird im Bädeker des Orients als unzugänglich bezeichnet. Das Thal des Oberen Ibar, westlich Mitrovica, war so unsicher bisher, daß Niemand sich in ihm und gegen Spek vorwagte, bis zu welcher Stadt auch die Herrschaft der Türken nur dem Namen nach reichte.
Leider mußten wir am letzten November dort, an der Montenegrinischen Grenze, umkehren, weil uns der endliche Lohn für angestrengtes Durchqueren des steilsten Kopranik-Gebirges in Gestalt Serbischer Beute entschlüpfte. Ueber Mitrovica wurden wir weiter bis Krusevac zurück genommen, um dann mit Neujahr den Marsch die Morawa aufwärts anzutreten.
Das Wichtigste ist auf diesem Kriegsschauplatz vermuthlich schon erledigt, und daß die Entente eine riesige Dummheit beging, als sie gen Saloniki zog, steht fest. Zu den Unternehmungen im Orient habe ich gar kein Vertrauen, das Heil muß uns im Westen erstehen, hoffentlich bald, der Anfang ist ja gut.
Euer Excellenz
sehr ergebener
Ernst v. S. Meiningen