Prinz Ernst von Sachsen-Meiningen an Ernst Haeckel, München, 10. Juli 1914

München 10. Juli 1914.

Euer Excellenz

möchte ich meinen herzlichen Dank aussprechen für die warmen Worte der Theilnahme, die Sie mir nach dem Tode meines theuren Vaters haben zukommen lassen. In unserem Leid ist es für uns ein Trost, zu erfahren, wie unser Vater im engeren wie weiteren Vaterlande hoch geschätzt worden ist, und wie sein Wirken bei den angesehensten Männern Deutschlands Anerkennung gefunden hat.

So schwer der endgültige Abschied ist, meinem Vater hätte ich ein längeres Leben nicht wünschen dürfen. Es lagen || verschiedene Anzeichen vor, die uns befürchten lassen mußten, daß sein weiteres Leben ein qualvolles sein würde, und seit Ausgang des letzten Winters war er stark gealtert und seine Kräfte hatten sichtlich nachgelassen. Als ich vor der Reise nach Wildungen meinen Vater in Altenstein wieder sah, war ich erschrocken über die große Veränderung in seinem Aussehen und über die Mühseligkeit, mit der er sich bewegte. Die ersten acht Tage in Wildungen befand er sich noch leidlich gut; dann aber ließen die Kräfte rasch nach. Auch noch zwei Tage vor seinem Tode hat mein Vater am Schreibtisch gesessen und Regierungs-||geschäfte erledigt. Er sagte zu Frau von Heldburg „Wenn ich nicht mehr arbeiten kann, muß ich abdiciren. Abdicire ich, so sterbe ich an Wuth. Da sterbe ich noch lieber an der Arbeit.“

Sie hatten die große Liebenswürdigkeit, trotz der unangenehmen Menge zu erledigender Gratulationsschreiben, mir auf meinen Glückwunsch zu Ihrem achzigsten Geburtstage zu antworten und mit interessanten Schriften Ihre Photographie zu schicken. Ich empfing Ihre Sendung in Hannover, wo ich Bruder und Schwägerin malte. Ich dachte damals über Jena heimzukehren und Ihnen persönlich zu danken. Diesen Abstecher unterließ ich dann, weil Frau || von Eggeling nicht wohl war. Ich bitte Sie zu entschuldigen, wenn ich erst jetzt Ihnen meinen herzlichen Dank ausspreche. Es ist mir außerdem auch von Werth, Ihr Bild aus Ihrem 40sten Jahre zu besitzen, aus dessen Zügen ja bereits die Vereinigung von Forscher und Künstler spricht.

Frau von Heldburg, die selbstverständlich äußerst angegriffen ist, die sich aber, so lange mein Vater noch athmete, von bewunderungswürdiger Kraft und Haltung zeigte, ist seit einigen Tagen am Königssee; meine Nichte Adelheid, die das letzte Jahr ganz bei meinem Vater lebte, bleibt noch länger bei ihr.

Mit besten Grüßen von meiner Frau und meiner, augenblicklich bei uns weilenden, Schwiegermutter

Euer Excellenz

sehr ergebener

Ernst von SMeiningen

Brief Metadaten

ID
3117
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Deutsches Reich
Datierung
10.07.1914
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
4
Umfang Blätter
2
Format
17,5 x 22,4 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 3117
Zitiervorlage
Sachsen-Meiningen, Ernst Prinz von an Haeckel, Ernst; München; 10.07.1914; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_3117