Haacke, Oscar

Oscar Haacke an Ernst Haeckel, Pforta, 8. Oktober 1850

Pforte den 8 Octbr. 1850.

Lieber Ernst,

Allerdings hast Du Ursache, mir gewaltig zu zürnen, daß ich Dir so lange nicht geschrieben habe; jedoch ich versichere Dir, es geschah wider meinen Willen, daß Du seit so langer Zeit nicht ein Paar Zeilen von mir erhalten hast; ich gedenke, es später wieder gut zu machen, indem ich unsern Briefwechsel, der so lange unterbrochen ist, wieder erneuere. So laß Du denn auch von Deinem Groll, den Du vielleicht in Deinem Herzen deßhalba gegen mich hegst, ab und trage auch Du dazu bei, um jenen eingeschlafenen Briefwechsel kräftig wieder in´s Leben treten zu lassen. Von meiner Seite konntest Du stets, und kannst auch jetzt noch, einer innigen Liebe versichert sein, denn im höchsten Grade || undankbar würde es von mir sein, wenn ich Deine Güte, mit der Du mir so oft entgegenkamst, vergäße. Nun jedoch genug hiervon.

Am vergangenen Sonntage endigten unsere dreitägigen b Michaelisferien, die ich gern zu einer Reise nach Merseburg verwandt hätte, wenn mich nicht verschiedene Gründe daran verhindert hätten. Bei uns haben sie dießmal sehr gelinde versetzt; in meiner Klasse istc nur einer sitzengeblieben, obgleich wir aus 32 Mann bestanden. Vor Kurzem wurde ein Primaner wegen Betrinkens von der Schule entfernt, und jetzt vor einigen Tagen hat sich gleichfalls einer betrunken, von dem es aber noch unbestimmt ist, ob auch er fortgeschickt wird. Ueberhaupt ist das Trinken bei uns jetzt wieder Sitte geworden, und nicht genug kann von unsern Lehrern dagegen gekämpft werden. Wie ich gehört habe, ist Böhr, der || hier wegen Kränklichkeit, nachdem er ein Jahr in Prima zugebracht, abging, nach Merseburg gegangen, um sich dort auf der Domschule recipieren zu lassen. Vor vierzehn Tagen ungefähr kam Gandtner noch einmal nach Pforte und nahm Abschied; er sagte mir, ich möchte ihn ja einmal in Greifswalde d besuchen. Ihr werdet ihn wohl in der Klasse recht vermissen; wenn Ihr ihn nun einmal verlassen müsset, so wünsche ich, daß ein andrer Tüchtiger seine Stelle ersetzen möge.

In Naumburg soll jetzt die Cholera wieder überhand genommen haben; uns ist deshalb verboten, dorthin zu gehen, selbst denen, die aus Naumburg e sind. Früher schon dachten wir entlassen zu werden, als diese Krankheit in Kösen hauste; jedoch kam sie nicht nach Pforte. Ich bitte Dich, mir ja recht bald zu schreiben, ob viele bei Euch gestorben sind. Von Gaschen befürchtete ich, daß er krank geworden sein möchte, weil er nichts von sich hören ließ. Lieber Ernst, die Zeit nöthigt mich zu schließen und so verbleibe ich denn unter herzlichen Grüßen an Deine Eltern und meine Freunde, und f mit der Bitte um Entschuldigung meiner schlechteng Handschrift

In Liebe

Dein Freund OHaacke.

[Adresse]

Seiner. Wohlgeboren | den Gymnasiasten Herrn Ernst Häckel | in | Merseburg. | d. F.

a eingef.: deßhalb; b gestr.: H; c gestr.: sind; eingef.: ist; d gestr.: z; e gestr.: selb; f gestr.: unter; g Textverlust durch Papierausriss, Inhalt sinngemäß ergänzt

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
08-10-1850
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 30573
ID
30573