Hertwig, Richard

Richard Hertwig an Ernst Haeckel, München, 15. Februar 1919

München Schackstr 2III

d. 15. Februar 1919.

Hochverehrter lieber Freund und Lehrer!

Morgen feiern Sie Ihren 85. Geburtstag. Da möchte ich Ihnen zugleich im Namen von Frau und Tochter die herzlichsten Grüße senden. Feiern! Mir ist das Wort in alter Gewohnheit entschlüpft. Wir sind beide zu gute Patrioten, als daß in dieser namenlos elenden Zeit bei unsa das Gefühl einer Feier aufkommen könnte. Ich begrüße den Tag weil er mir Gelegenheit giebt, Sie der alten Treue und Verehrung zu versichern, die ich für Sie || seit den Tagen empfinde, in denen Sie mich für die Zoologie gewonnen und mir die treue Anhänglichkeit an unser liebes Jena einpflanzten.

Als ich vor einem Jahr die Aufforderung erhielt, in Prilep an der mazedonischen Front für unsere Feldgrauen Vorträge zu halten und bald darauf auch abreiste, hätte ich mir den Jammer nicht träumen lassen, der in den letzten 4 Monaten sich über unser Deutschland ergossen hat. Greuel von aussen, Greuel von innen! Man weiß wirklich nicht was das schlimmere ist. Im Innern scheint es sich ja allmählich zu bessern. Für München werden wohl die nächsten Tage entscheiden. || Man scheint auch bei uns entschloßen zu sein, auch auf die Gefahr von Blutvergiessen hin die Eisner, Jaffe, Levien, Mühsam, Landauer und wie alle die psychopathischen Juden heißen mögen, die die Gewalt in Bayern usupirt haben, zu beseitigen. Vielleicht geht es auch auf friedlichem Weg, wenn die Herren einsehen, daß der Unwille des Volkes gegen sie zu groß geworden ist.

In den letzten 8 Tagen habe ich mich an den Kundgebungen für unsere Gefangenen betheiligt, auch selbst einen Vortrag gehalten. Hoffentlich hat die durch ganz Deutschland gehende Agitation Erfolg. Für meinen Sohn kommt die Entscheidung nur wenig in Betracht. Er ist durch seine || Internirung in Luzern vor französischer Rachsucht und Brutalität sicher. Auch hat er jetzt Arbeit in Hülle und Fülle, indem er als Volontär bei einem Luzerner Architekten eingetreten ist und bei ihm einen großen Wettbewerb bearbeitet. b Körperlich geht es ihm gut. Auch ich sowie meine Familie kann nicht klagen. Ich habe Dienstag vor 8 Tagen vorc vollbesetztem Auditorium ein Zwischensemester begonnen und freue mich eine fast ausschließlich männliche Zuhörerschaft vor mir zu haben.

Nochmals meine herzlichsten Grüße! Möge es Ihnen vergönnt sein, sich nach Ablauf der schweren Zeit an dem d erneuten Aufschwung unseres Vaterlandes zu erfreuen!

In alter treuer Anhänglichkeit

Ihr

R. Hertwig

a eingef.: bei uns; b gestr.: Auch; c eingef.: 8 Tagen vor; d gestr.: A

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
15.02.1919
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 30555
ID
30555