Berlin N. O. Friedenstraße 11.
d. 6.11.88.
Lieber Freund!
Es war ein eigenes Pech bei Ihrem letzten Hiersein für mich, daß ich nicht Ihrem ersten Vorschlage sogleich folgte. Ich hatte mit einem Freunde verabredet, ins Deutsche Theater zu gehen, wozu er die Besorgung der Billets, weil er nahe wohnt, übernommen hatte, u. dieser Umstand fiel mir erst ein, als es zum Abbestellen zu spät war. Schließlich hatte er keine Billets bekommen, u. was mich mehr schmerzt, ich habe Sie nicht zu sehen bekommen.
Mit Ihren „Phäodarien“ haben Sie mir eine große Freude gemacht, um so mehr, da ich von der ganzen großartigen Monographie noch nichts gesehen hatte. Ihre Tante hat mir das Buch heute geschickt, nachdem ich vorgestern in ihrera Wohnung war, sie aber leider nicht zu Hause b getroffen hatte. Ich danke Ihnen herzlichst für das schöne Geschenk u. freue mich zugleich, dabei denken zu können, daß Sie diese Riesenarbeit nun glücklich abgewälzt haben u. wieder Herr Ihrer Zeit sind.
Im Sommer war es meine feste Absicht, Sie wenigstens für einen Tag in Jena zu besuchen. Ich hatte meine Rückreise aus der Schweiz über die neue Thüringer Bahnstrecke zu diesem Zwecke genommen, u. gerieht zwischen Würzburg u. Oberhof mit einem liebenswürdigen ältern Herren in ein Gespräch, der sich als Herr Commercien-Rath Weimar aus Jena entpuppte u. mir mittheilte, daß Sie nicht zu Haus seien. Ich habe dann einen recht genußreichen Tag in Weimar zugebracht, das Göthehaus besucht u. binc im Park spazieren gegangen; || es war eine Auffrischung alter Erinnerungen, denn ich war seit 20 Jahren nicht in Weimar gewesen.
In derselben Zeit, in welcher Sie so schlechtes Wetter in Tÿrol gehabt haben, traf ich in der Schweiz ausgezeichnet schönes Wetter, ja ich erinnere mich nicht, jemals besseres Wetter auf einer Sommerreise gehabt zu haben. Ich bin die Gotthardstraße bis Andermatt gewandert u. dann auf die Furka, wo allerdings hoher Schnee lag, aber herrlich blauer Himmel, während ich in frühern Jahren zweimal bei Regen u. Nebel oben war. Im Rhonethal habe ich dann das Aeggischhorn wieder bei schönster Aussicht bestiegen, u. ebenso eine prächtige Tour nach Zermatt gemacht, wo mir der Gornergratd die großartigste Eis- u. Schneelandschaft, die ich bisher gesehen, gewährte. Nachher bin ich noch acht Tage auf Rigistaffel, ebenfalls bei ausgezeichnetem Wetter (wenn es auch mal dazwischen regnete) gewesen; es ist u. bleibt ein unvergleichlicher Aufenthalt.
Ich hoffe auf eine gute Nachwirkung für den Winter; meine neuliche Erkältung war nur die ordnungsmäßige Strafe für die vernachlässigte Anpassung der Kleidung an die rauher gewordene Jahreszeit; es war in wenigen Tagen überstanden. Im Winter muß ich mich ja freilich in Acht nehmen u. auf alle geselligen Freuden in Theatern u. Gesellschaften, wobei man sich erhitzt, verzichten, indessen bin ich seit Jahren daran gewöhnt u. vermisse nichts mehr dabei.
Nach so langen Jahren mühsamer Arbeit wünsche ich Ihnen einen recht genuß- u. erholungsreichen Winter, den Sie sich sicherlich mit gutem Gewissen gönnen dürfen; es wird ohnehin nicht lange dauern, bis Sie ein Feld || für neue Triumphe gefunden haben. Denn daß Sie sich jemals wie Professor Preÿer zur Ruhe setzen könnten, daran glaube ich bei Ihnen so wenig wie bei mir; ich muß immer etwas zu tun haben, u. ginge es auch bloß darauf hinaus, die frommen Schafe zu necken, wie in den beiden Artikeln der „Gegenwart“, die ich Ihnen per Kreuzband sende.
Mit herzlichen Grüßen Ihr
treulich ergebener
Ernst Krause
a korr. aus: Ihrer; b gestr.: antraf; c eingef.: bin; d korr. aus: Gornergletscher