Ernst Krause an Ernst Haeckel, Berlin, 27. April 1888

Berlin N. O. Friedenstraße 11.

d. 27.4.88.

Lieber Freund!

Es ist so lange her, daß ich von Ihnen keine Nachricht gehabt habe, daß ich einmal wieder anfragen muß, wie es Ihnen geht, obwohl ich sonst noch nichts besondres mitzutheilen habe. Ich danke Ihnen herzlichst für die neuliche Übersendung Ihrer Medusenstudien, wobei mir besonders Ihre Ansichten über die Verschmelzung des polÿmorphen Thieres zum Einheitsthiere interessant war. Der hier unzweifelhafte Nachweis wird vielen Lesern Ihre Stachelhäutertheorie erst verständlicher machen, weil dort die Antimerenbildung, u. bei den Glieder- u. Wirbelthieren die Metamerenbildung so der ganzen Entwicklung verschmolzen liegen, daß man die Zusammengesetztheit dieser Organismen nicht so leicht zugeben mag.

Ich ärgere mich sehr über die vielen unsinnigen u. überflüssigen Theorien, die jetzt wieder von allerlei Leuten entdeckt werden u. als neu oder weltumstürzend gepriesen werden. Was z. E. Romanes mit seiner phÿsiologischen Zuchtwahl will, ist mir nicht verständlich, diese Gedanken über phÿsiologische Differenzirung sind ja doch von Darwin u. Ihnen in der vollkommensten Weise gewürdigt u. in ihrer Tragweite angedeutet worden. Am absurdesten aber finde ich die neuesten Sprünge || von August Weismann über die Nichterblichkeit erworbener Anlagen. Es ist mir rein unmöglich mich in den Gedankengang dieses Mannes zu setzen, der alle Anlagen gegeben findet u. alle Variationena aus der geschlechtlichen Vermischung herleiten will, als ob aus a + b jemals etwas anderes hervorgehen könnte als ein Mittel zwischen a u. b, wenn nicht andre Anstöße hinzukommen. Ich habe mich nicht enthalten können, die großen Entdeckungen ein wenig in der „Gegenwart“ zu beleuchten u. sende Ihnen den Artikel unter Kreuzband. Es ist aber nichts besondres, weil ich ihn doch nicht so spöttisch behandeln wollte, wie ich es bei meinem andern wohl gethan hätte. Er ist jetzt monatelang in Neapel gewesen u. hat für seine großen Ideen bei der jüngern Schule Propaganda zu machen gesucht, ich fürchte, er hat noch nachträglich den Richtungskörper der gesunden Vernunft ausgestoßen, um nur um jeden Preis durch geniale Umsturzideen sich einen Namen zu machen.

Was haben Sie zu Francis Darwin’s Biographie gesagt? Mir scheint, wir sind beide glimpflicher weggekommen, als wir erwarten durften, die gesunde Vernunft hat doch nachträglich den Sieg über seinen ersten blinden Eifer davongetragen. Heimlich macht es mir Freude, ihm an manchen Stellen den Weg vorgezeichnet zu haben, den er nicht verlassen konnte, ohne mit brieflichen Äußerungen seines Vaters in Widerspruch zu gerathen, sonst wäre wohl von seinen deutschen Anhängern noch weniger die Rede gewesen, als dies der Fall. Übrigens scheint das Buch in England auffallend erfolgreich zu sein; die zweite Auflage soll || bereits nahezu vergriffen sein, was bei einer so umfangreichen Publikation immer etwas sagen will. Im Allgemeinen hatb er das Beste gethan, was er thun konnte, indem er den weitaus größten Raum der Selbstschilderung des Vaters in seinen Briefen gelassen u. sich selber auf die notdürftigsten Ergänzungen beschränkt hat.

Was mich betrifft, so ist es mir den letzten Winter etwas besser als sonst ergangen, aber der unbarmherzige Nachwinter hat es mir doch etwas angethan, so daß ich mich demnächst zu Pfingsten einige Wochen zur Erholung zu meinen Geschwistern begeben will, um etwas frische Luft zu schnappen. Haben Sie lange nichts von Allmers gehört? Er wollte den Winter nach Italien gehen, u. mir von dort schreiben, da ich Lust bezeigt hatte, nachzukommen, hat es aber nicht gethan. Es wäre mir übrigens auch unmöglich gewesen, es auszuführen.

Mit der Bitte, mir freundlichst einmal ein paar Zeilen über Ihr Befinden zu schreiben u. mit den herzlichsten Grüßen

Ihr

treu ergebener

Ernst Krause

a gestr.: Erbschaften; eingef.: Variationen; b korr. aus: hatte

Brief Metadaten

ID
29492
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Deutsches Reich
Datierung
27.04.1888
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
3
Umfang Blätter
2
Format
14,2 x 22,3 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 29492
Zitiervorlage
Krause, Ernst an Haeckel, Ernst; Berlin; 27.04.1888; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_29492