Koch-Girl, Helisena

Helisena Koch-Girl an Ernst Haeckel, Augsburg [nach dem 18. September] 1882

Sehr geehrter Herr!

Wenn ich es als Fremde wage diese Zeilen an Sie zu richten so müßen Sie es dem hohen Intereße zuschreiben den mir neuerdings die Lectur Ihres Vortrags in Eisenach eingeflößt, der im Sammler, Beiblatt unserer Abendzeitung veröffentlicht wurde, und der eine so weite Welt umfaßend, gar viel zu denken gibt, auch für die, diea b noch nicht ganz überzeugt sind. ||

Lebhaft kehrte dabei auch wieder die Erinnerung an unser Zusammentreffen in Rom zurück, 1859c mit Schwager Diruf, meiner jüngsten Schwester u. Fr. Hauptmann Blösst. Schönste Tage meines Lebens; wie oft priesen wir auch den glücklichen Zufall der uns damals mit dem blondgelockten Jüngling zusammenführte. – Zweck dieser Zeilen ist, Ihnen mitzutheilen, || daß dieses Jahr, Ende Mai in Zürich unsere gute, alte Wittwe Doct. Steinheim aus Rom im 92. Lebensjahre an den Folgen eines langjährigen Fußleidens starb.

Sie blieb bis zuletzt geistesfrisch. Sie liegt am Fuße des Ütliberges begraben, wohin ihr viel Freunde u. Bekannte das letzte Geleite gaben, deren Mittelpunkt sie war und die in ihrem geselligen Hause unzählige, schöne Stunden genoßen haben. Fr. Hauptmann Blösst jetzt in Zürich lebend, theilte mir ihren Tod mit. Vor 1½ Jahren || sah ich diese, seit unserem römischen Aufenthalte, zum ersten Male wieder und da war natürlich auch von Ihnen viel die Rede.

Mit der Bitte meine Keckheit zu entschuldigen zeichne ich mit aller Hochachtung Ihre alte Reisegefährtin

Helisena Koch-Girl

Augsburg 1882.

a gestr.: wenn; eingef.: für die, die; b irrtüml.: er; c eingef.: 1859

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
1882.09.??
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 28608
ID
28608