Kükenthal, Willy

Willy Kükenthal an Ernst Haeckel, Breslau, 15. Februar 1900

ZOOLOGISCHES INSTITUT

DER

UNIVERSITÄT BRESLAU.

BRESLAU, DEN 15. Febr. 1900.

Hochverehrter und lieber Herr Professor!

Zu Ihrem Geburtstage sende ich Ihnen meine herzlichsten Glückwünsche. Hoffentlich verleben Sie diesen Tag im Kreise Ihrer Familie in voller Gesundheit.

Gern wäre ich einmal wieder nach Jena gekommen, nachdem ich Sie bei meiner letzten Anwesenheit im August vorigen Jahres verfehlt habe, aber leider habe ich noch nicht die Zeit dazu gefunden. Vielleicht macht es sich die diesjährigen großen Ferien besser! Nach wie vor verbringe || ich die Ferienzeit in der Schweiz. Meiner Frau bekommt der Aufenthalt in Les Avants außerordentlich gut, dennoch habe ich eine gewisse Angst, sie im nächsten Jahre dem hiesigen, ungesunden Klima auszusetzen. Indessen wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben, als es zu versuchen. Bis jetzt habe ich mich in Breslau nicht einleben können; zum Theil mag es ja daran liegen, daß ich gezwungen bin ohne meine Familie zu hausen, zum größeren Theil liegt es aber an Breslau selbst. In vieler Hinsicht ist Jena großstädtischer als Breslau! Sie glauben gar nicht, was hier für bornirtes Philisterthum || ins Kraut schießt!

Mit meiner Lehrthätigkeit kann ich zufrieden sein, die Zahl der Hörer in meiner vergleichenden Anatomie hat sich gegen die früheren Jahre verdreifacht, und auch im Curs habe ich die höchste Anzahl (23), die ich überhaupt unterbringen kann. In 6 Räumen, darunter dem Auditorium, wird der Unterricht ertheilt, was für mich wie die Assistenten außerordentlich unbequem ist. Nun, glücklicherweise ist jetzt Aussicht auf den schon lange geplanten Neubau. Der Finanzminister hat sich endlich damit einverstanden erklärt, und beschlossen das von uns ausersehene Grundstück anzukaufen (für eine Viertelmillion!) Dennoch wird es noch einige Zeit dauern bis wir anfangen können, da augenblicklich noch die Garnisonsbäckerei auf dem Grundstück || steht, die erst abgerissen werden kann, wenn die neue gebaut ist, also in etwa 1½ Jahren. Also werden wir nicht vor 4–5 Jahren in unser neues Heim einziehen können. Diese Zeit soll dazu benutzt werden das Museum wieder auf die frühere Höhe zu bringen. Zur Neuordnung der Sammlungen ist in den Etat eine Extrasumme von 8000 Mark eingestellt, die ich einige Jahre hindurch erhalten werde. Damit läßt sich schon etwas machen, besonders wenn man eine solche tüchtige Kraft zur Seite hat, wie unseren Römer.

Doch nun leben Sie wohl verehrter Herr Professor, die herzlichsten Grüße!

Von Ihrem getreuen

Willy Kükenthal.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
15-02-1900
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 28415
ID
28415