Kükenthal, Willy

Willy Kükenthal an Ernst Haeckel, Breslau, 17. Juni 1918

Breslau den 17. Juni 1918

Verehrter und lieber alter Meister!

Haben Sie herzlichen Dank für die freundlichen Wünsche zu meiner Berufung nach Berlin. Noch habe ich den Ruf nicht angenommen, und werde erst im nächsten Monat mit dem Ministerium verhandeln. Es wird mir auch nicht gerade leicht fallen von Breslau wegzugehen, wo ich ein glänzend eingerichtetes Institut und Museum zur Verfügung habe. Eine reine oder auch nur vorwiegende Verwaltungstätigkeit würde mich nicht locken, und ob sich mit dem Posten eines Berliner Museumsdirektors eine größere Lehrtätigkeit verbinden läßt, ist mir noch zweifelhaft. Wenn ich den Ruf vor 10 Jahren erhalten hätte, würde ich nicht so || lange gezaudert haben, heute mit meinen 56 Jahren sehe ich aber die Sache mit kühleren Augen an.

Sollte ich von Breslau weggehen, so werde ich zweifellos in die Liste der zur Nachfolge vorgeschlagenen Candidaten auch Schaxel aufnehmen, dessen Arbeiten von einem kritischen und durchdringenden Verstande zeugen, und der mir als einer der hoffnungsvollsten jüngeren Collegen erscheint.

Was Sie mir von Ihrem persönlichen Befinden schreiben, gefällt mir gar nicht. Wer wie Sie, bis in sein hohes Alter hinein, so geistesfrisch ist und noch so schöne Arbeiten veröffentlicht, der wird auch den unvermeidlichen Gebrechen, die im Alter kommen, Trotz bieten. Wie oft denke ich noch an die schönste Zeit meines || Lebens, den goldenen Tagen in Jena zurück, wenn wir nach vollbrachter Arbeit zum Forst oder zum Fuchsberg wanderten, um dort unser Rostbrätchen bei einem Kännchen Lichtenhainer zu verzehren!

Von meinen beiden Töchtern kann ich nur Gutes berichten. Die älteste ist, wie Sie wissen, an den Theologen Bauer in Göttingen verheiratet und wird mich demnächst werden mit einem Enkelkinde erfreuen – in diesen schweren Kriegsjahren eine durchaus patriotische Leistung. Die jüngere, Edith ist Malerin geworden, und zeigt zu unserer großen Freude ein so ausgesprochenes Talent, daß ihr Lehrer Professor Eduard Kaempffer Großes von ihr erhofft. Jedenfalls hat sie einen schönen, ihr Leben ausfüllenden Beruf erwählt.

Nun leben Sie aber wohl.

Die herzlichsten Grüße

von Ihrem getreuen

W. Kükenthal.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
17-06-1918
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 28390
ID
28390