Krauseneck, Gustav Adolf

Gustav Adolf Krauseneck an Ernst Haeckel, Triest, 29. Mai 1903

Triest, am 29. Mai 1903

Hochverehrter Freund!

Ich kam vor einigen Tagen von Wien zurück und war sehr erfreut, unter meinem Einlauf Ihre Welträthsel in der Volksausgabe mit einem Gruße Ihres verehrten Verfassers zu finden und ich beeile mich nun wenigstens mit dem verspäteten, herzlichen Dank dafür. Das Buch kenne ich von der ersten Bekanntschaft nach seinem Erscheinen her, an der neuen Ausgabe aber habe ich die prachtvolle Abfertigung mit großem Genuße gelesen, die das Nachwort Ihren Gegnern – oder wohl richtiger Neidern – zu Theil werden läßt. 27000 Exemplare dieses Buches, in der Welt verbreitet, nebst den vielen Übersetzungen, werden wohl das ihrige dazu thun, daß das blöde Pfaffenthum nicht zu || sehr sich übernehme, wie es ja vielfach leider den Anschein hat. Von diesen Leuten freilich kann man es anders nicht erwarten, aber daß sogenannte Wissenschaft heute noch, fast 50 Jahre nach Darwins erstem Erscheinen, Früchte zeitigt, wie z. B. Fleischmanns Darwinische Theorie, die ich mir zur Information ansah, ist kaum begreiflich für mich – unmaßgeblicherweise – ist das Resultat dieser Lecture, daß ich mir den darin naiverweise citirten Ausspruch Plates hinter die Ohren schrieb: Ich bin mit Haeckel der Überzeugung, daß die Opposition gegen den Darwinismus in erster Linie zurückzuführen sei auf ungenügende biologische Schulung. Ich besitze leider nicht viel solche Schulung, aber doch genug, um das einzusehen. – Alles Vorwärtskommen in der menschlichen Erkenntniß ist mit Epochen des Bezweifelns großer Fortschritte verbunden, nach denen erst das Neugewonnene zu ganz || unbestrittener Geltung gelangt. Das dürfte Ihr Trost sein in dem Kampfe, den Sie führen, wie es Ihr Ruhm sein wird, die großen Schritte nach vorn gethan zu haben!

Ich hoffe sehr, im Laufe des Sommers doch in Ihre Nähe & dann wohl auch nach Jena zu kommen. Wenn irgend möglich, möchte ich mich etwas in Deutschland herumtreiben. Haben Sie die Absicht, nach Tyrol zu gehen, wo wir später wohl auch zu finden sein dürften? Sie schrieben vor einiger Zeit auch, daß es nicht ausgeschlossen sei, daß Sie nach dem Süden und dabei zu uns kommen würden. Wie sehr wir uns darüber freuen würden, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. Hoffentlich sind Sie dann nicht allzu beeilt und können uns einige Tage widmen. Wir sind äußerlich immer die Alten und soweit innerlich noch erfreulich jung, freuen uns an dem Schönen und ärgern uns über || all den Schund, der unsrer Zeit in so hervorragendem Maße eigen ist – im politischen Leben, in Kunst und Litteratur. –

Meine Frau war mit mir in Wien, wohin mich meine Geschäfte sehr oft führen, und ich freue mich, daß mancher Genuß in Kunst & Theater mithalf, sie über den Schmerz über den Verlust des Vaters, der sie mit den Ihrigen sehr erfüllt, etwas hinwegzuführen. Wien ist prächtig, glänzend, aber unglaublich hohl und die Ungewißheit, die bei uns Alles ergriffen, äußert sich auch in den intimsten Beziehungen der Menschen.

Meine Mutter, Valentine sind wohlauf & alle gedenken wir Ihnen oft und von Allen uns begleiten die treuesten Grüße an Sie und Ihr ganzes Haus dieses Blatt, mit dem ich Ihnen, hochverehrter Freund, nur wieder sagen wollte, wie ungemein theuer mir Ihre freundschaftliche Gesinnung ist. Erhalten Sie sie uns!

Ihr treu ergebener

G. Krauseneck

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
29-05-1903
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 27803
ID
27803