Krauseneck, Gustav Adolf

Gustav Adolf Krauseneck an Ernst Haeckel, Triest, 19. Februar 1903

Triest, am 19. Februar 1903

Hochverehrter Freund!

Nochmals sage ich Ihnen, auch im Namen meiner Frau und ihrer Mutter, herzlichst Dank für Ihre Theilnahme an unsrem schweren Verluste. Mein Schwiegervater war im Herbste noch mehrere Wochen bei uns und so frisch und rüstig, so lebhaft angeregt von seinen künstlerischen Plänen & Gedanken, daß uns allen nichts ferner lag, als irgend eine Vorahnung seines nahen Endes. In Rom war er dann noch vielfach thätig; so modellirte er Schweinfurth, mit dem er sogar eine neuerliche Fahrt nach Aegypten plante, als ihn eine Influenza fasste und hinzugetretene Lungenentzündung in wenigen Tagen dahinraffte. Er hatte die Nachbildung des herrlichen Kopfes aus der attischen Zeit im Museum der Diocletianischen Thermen in Arbeit, der ihn bis zum letzten Athemzug beschäftigte und so starb er im Denken an seine alten Griechen, nach deren Art er auch seine Ruhe finden wollte. || Die Leiche wurde verbrannt und die Asche auf dem schönen Friedhofe am Monte Testaccio beigesetzt, ohne jeden geistlichen Beistand und doch so feierlich und für alle Anwesenden tief ergreifend. Es war das wieder ein lehrreiches Exempel christlicher Toleranz der Pfaffen triste Sorte, daß, weil wir den Wunsch des Verblichenen erfüllten und seinen Leib den Flammen übergaben, von Religionswegen kein Segen gesprochen werden konnte, was dann manch empfindsamen Gemüthe doch abging, uns aber wieder zeigte, daß man auch ohne das herkömmliche Geplapper andächtig und in wahrer Ergebung einen theuren Todten bestatten kann.

Mir ist es immer noch ein großer Schmerz, daß gerade Ihre Büste zu Kopf’s schwächsten Arbeiten gehört. Es war wohl ein besonders ungünstiges Zusammentreffen, daß damals Modell & Künstler so unwohl waren, daß auf der ganzen Arbeit ein schwerer Schatten liegt. Sie schrieben mir später, daß von Ihnen eine andere Büste viel besser gelungen sei und so wird auch dieser Umstand Ihre Erinnerung an Rom und unsre damaligen gemeinsamen Tage nicht dauernd trüben. – ||

Ich hoffe bestimmt, im Laufe des Jahres nach Deutschland zu kommen & würde dann gewiß an Jena, das ich gar nicht kenne, nicht vorbeifahren. Ebenso aber hoffe ich, daß Ihre Pläne, nach dem Süden zu gehen & uns wieder einmal zu besuchen, zur Wahrheit werden mögen. Es ist mir immer ein ganz außerordentliches werthvolles Bewußtsein, mit Ihnen, hochverehrter Freund, in so freundschaftlicher Beziehung zu stehen und würde es mich freuen, sie durch neuen persönlichen Verkehr neu zu festigen.

Was Sie über sich und Ihre Gedanken über unsre Zeit sagen, ist mir Schmerz & Befriedigung zugleich, denn alt werden und sich so fühlen dürfen Sie noch nicht; ich dachte mir oft, ob nicht gerade von Ihnen noch einmal etwas erscheinen werde, was so manchem herrschenden Unsinn zu Leibe ginge. Die Welträthsel sind freilich mehr, als von Einem erwartet werden kann, aber so groß ist ihr Erfolg, so oft und kräftig die letzten Sachen auch gesagt worden, dem öffentlichen Leben & seiner Wortführer merkt man leider das Gescheidterwerden nicht an. Wie schrecklich || ist doch auch in Deutschland der geistige Rückgang in den letzten Jahrzehnten. Bismarck und Bülow ist mir da immer der Maßstab!

Von uns und unseren rebus publicis schweige ich; das fängt an geradezu ekelhaft zu werden, denn der Clerikalismus gewinnt mit jedem Tage an Macht & Einfluß. „Uns“ als Privatmenschen geht es gut und vom ganzen Hause soll ich Ihnen & den verehrten Damen die schönsten Grüße sagen, denen ich alles was ich habe an Wünschen für Sie, verehrter Freund, beifüge.

Ihr treu ergebener

G. Krauseneck

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
19-02-1903
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 27802
ID
27802