Krauseneck, Gustav Adolf

Gustav Adolf Krauseneck an Ernst Haeckel, Triest, 29. Dezember 1894

Triest, am 29. Decemb. 1894.

Verehrter Herr Professor!

Ich will das Jahr nicht ablaufen laßen ohne mich Ihnen in Erinnerung zu bringen und Ihnen und Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin von uns Allen die herzlichsten Grüße zu senden. Daß es Ihnen gut gehen müßte, entnehme ich der Anzeige des I Theiles Ihrer systematischen Phylogenie, zu deßen Erscheinen ich Ihnen meine aufrichtigen Glückwünsche und meine Bewunderung auszudrücken nicht unterlaßen kann, so unbescheiden es ist, von Ihrer kostbaren Zeit auch nur das Geringste in Anspruch zu nehmen. Doch waren Sie uns immer ein so guter Freund, daß Sie gewiß gerne von uns etwas hören.

Leider kann ich wenig Erfreuliches berichten. || Mein armer Vater trägt sein Alter sehr schwer. Er geht mühsam, ist von kleinen Leiden viel geplagt und nimmt auch geistig sehr ab. Auch sonst hatten wir viel Krankheit im Haus, meine Frau leidet an einer langwierigen Venenentzündung, die sie schon zu monatelanger Ruhe nöthigt und so vermischen sich nur zu bald die angenehmen Erinnerungen an die Ferien, die wir mit Kopfs in Klobenstein in Tirol verbracht haben. Die Römer sind alle wohlauf und mein Schwiegervater immer in voller Thätigkeit. Daß gerade die seiner Arbeiten, an der ich so großes Interesse hatte – Ihre Büste – so wenig gelungen ist, ist mir immer ein rechter Schmerz. Sie und er waren damals, als er Sie modellirte, wenig wohl und dabei war die || Arbeit flüchtig; jedenfalls aber ist es sehr schade, daß sie manchen Fehler an sich hat. Übrigens gelingt Kopf der Ausdruck wirklicher Anmuth schon seit langem viel besser, als der geistiger Würde und Größe. Unter dem ewig lachenden Himmel erlahmt vielleicht die Kraft auch dazu, wie wir ja im ganzen Volke einen Erschlaffungsprozeß sehen, dessen Ausgang schwer abzusehen ist. In Deutschland wird am Zerstören der besten Empfindungen auch recht fleißig gearbeitet, aber das Schauspiel, das die Romanen heute gaben, ist wahrhaft erschreckend.

Ich staune, wie Victor Nehn schon 1861 vielfach die Schäden erkannte, die dem neuen Italien seinen Bestand sauer machen. Es ist aber nicht im Kampfe entstanden, sondern || durch das Gehenlassen der andern und die immense Dummheit seiner directen Gegner, derer der damaligen oesterreichische Regierung, nach deren sonstigem Walten sich mancher Venezianer heute ernstlich zurücksehnt. Ich liebe das Land, so unsympathisch die hier herrschende Halbitalianität ist, und darum nehme ich an seinen Schicksalen warm Antheil.

Möge das Jahr 95 im Großen und Kleinen Gutes bringen. Ihnen und Ihren Lieben gehören unsre besten Wünsche und mir wünsche ich, Sie im Laufe des neuen Jahres sehen zu können. In herzlichster Verehrung und Freundschaft stets Ihr ergebener

Gustav Krauseneck

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
29-12-1894
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 27788
ID
27788