Philipp Lenard an Ernst Haeckel, Heidelberg, 26. Oktober 1918

PROF. DR. LENARD

HEIDELBERG 26 Okt 18.

NEUENHEIMERLANDSTR. 2

Hochgeehrter Herr Kollege!

Ich habe das Vertrauen, Sie mit einer Bitte bemühen zu dürfen, die für das Vaterland, für die Wissenschaft und für die hiesige Naturwissenschaftlich-Mathematische Fakultät von gleicher Weise wichtig ist. Wir werden hier infolge des Todes von Klebs und der Rücktrittsabsicht von Bütschli in Kürze sowohl einen Botaniker als auch einen Zoologen als neue Kollegen erhalten müssen, und ich selbst, sowie auch andere Kollegen der Fakultät haben die Absicht, nur solche Männer in Vorschlag zu bringen, die nicht nur in ihrer Wissenschaft das allerbeste verbürgen, sondern die ausserdem auch von strengster vaterländischer Gesinnung erfüllt sind. Es ist || mir ganz klar, dass das Unglück, welches jetzt über das Reich hereinbricht nur unserem Internationalismus zu danken ist und dass Deutschland nie mehr in Macht und Ansehen kommen wird, wenn man vom vaterländischen Standpunkt aus ganz unbesehene, geradezu beliebige Männer als akademische Lehrer wählt, wie es früher der Fall war.a Denn es wird dann an der Gesinnung des Nachwuchses fehlen, die jetzt erst recht notwendig sein wird, da Bismarcks Geist mit diesem Enderfolg verjagt worden war und ohne ernstesten inneren Wiederaufbau auch nicht wieder kommen und wirksam werden kann. Es muss daher eine sehr vorsichtige Auswahl in der Vorschlagsliste getroffen werden und es wird das bei der grossen Zahl in Deutschland stets vorhandener wissen-||schaftlich bedeutender junger Männer auch leicht möglich sein, wenn nicht nur Literatur- sondern auch personenkundige Beherrscher der beiden Fächer uns helfen. In dieser Beziehung also komme ich mit der Bitte zu Ihnen um Nennung möglichst vieler Namen, die für uns in Betracht kommen könnten, indem ich glaube mit Sicherheit annehmen zu können, dass Sie meinen vaterländischen Gesichtspunkt billigen und ihm helfen wollen.

Die endgiltige Festlegung der Listen wird in der Fakultät noch genug Schwierigkeit machen; ich werde aber Ihre Vorschläge zu vertreten suchen und zwar mit um so mehr Energie, je sicherer ich weiss, dass sie nur rein deutsche und scharf deutsch denkende Gelehrte betreffen, ein Gesichtspunkt, der leider in der Fakultät noch keine Mehrheit hat und den ich desshalb vor || der Gesamtfakultät auch geheim halten muss. Ihr Name würde mir aber wohl helfen, etwas durchzusetzen.

Meiner Ansicht nach können für uns nur Kandidaten unter 50 Jahren besser noch unter 40 Jahren in Betracht [kommen]. Nicht vollendete Leistungen, sondern nur Zeichen für sichere Erwartung von solchen sollten vorhanden sein bei den Jüngeren.

Ich hoffe, Sie mit diesem Briefe nicht zu sehr bemüht zu haben und bin in grosser Verehrung

Ihr

ergebener

P. Lenard.

Die Postkarte mit dem Bismarck-Kopf und Ihrer Unterschrift, vom 12 Mai 1915, steht noch auf meinem Schreibtisch.

a eingef.: wie es früher der Fall war.

Brief Metadaten

ID
27572
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Deutsches Reich
Datierung
26.10.1918
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
4
Umfang Blätter
2
Format
13,3 x 16,9 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 27572
Zitiervorlage
Lenard, Philipp an Haeckel, Ernst; Heidelberg; 26.10.1918; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_27572