Anonym

Anonym an Ernst Haeckel, Köln, 26. September 1910

Hochverehrte Excellenz!

Bei Rückkehr ins Deutsche Reich finde ich beifolgende Notiz in der Zeitung! Bin ich zu den Wilden gekommen oder befinde ich mich in einem Rechtsstaat, wenn das wahr ist, was in diesem Blatt steht, dann muß man ja das Grausen bekommen vor unseren Rechtszuständen!

Ich habe den Vorzug den Professor Hohenberg zu kennen und bin ein eifriger Anhänger von Ihnen, Excellenz, || den Professor in die Anstalt zu schicken heißt ihn mit Gewalt verrückt machen. Sie als einer der aufgeklärtesten Menschen unserer Zeit dürfen das nicht zulaßen, Sie stehen im öffentlichen Leben und so ein Verbrecher wie der Prof. Berger wird sich doch nicht an Sie heranwagen? Möglich scheint ja jetzt bei der deutschen Justiz alles zu sein!

Der Ekel vor solchen Zuständen erfaßt einen bis in die tiefste Seele und man möchte den ganzen Laden von sich werfen und ins Aus-||land gehen! Man ist sich ja des Lebens nicht sicher vor dieser blöden Dummheit, wie kann denn der Mann, selbst wenn der Prof. Hohenberg zur Zeit überreizt ist, ihn öffentlich muthwillig zu Grunde richten und wie können die Beisitzer so etwas zulaßen, sind das Idioten?

Retten Sie den Professor, Excellenz, Sie bewahren Deutschland vor einer bitteren Schmach!

Leider muß ich wegen meiner Staatsstellung anonym bleiben.

Ein Anhänger des vernünftigen Menschenverstandes.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
26-09-1910
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 27456
ID
27456