Lang, Arnold

Arnold Lang an Ernst Haeckel, Zürich, 1. Januar 1902

ZOOLOGISCH-VERGL. ANATOMISCHES LABORATORIUM

BEIDER HOCHSCHULEN

ZÜRICH.

Den 1 Januar 1902

Verehrter Lehrer & Freund!

Von einem kurzen Aufenthalt bei meiner alten Mutter, die geistig noch ganz frisch ist, zurückgekehrt, soll mein Erstes sein, Ihnen und Ihrer verehrten Familie meine und meiner Familie ehrerbietige wärmste Glückwünsche zum neuen Jahre darzubringen. Ich gebe dabei der Hoffnung Ausdruck Sie im Laufe des Jahres wieder einmal bei uns sehen zu können.

Verbindlichen Dank für die liebenswürdige Dedikation Ihrer gesammelten Vorträge, die ich wohl einzeln schon besitze, die mir und meinen Schülern derart zusammengestellt abera noch ganz || besonders willkommen sind. Lilia wird Ihnen noch besonders für die Aufmerksamkeit, mit der Sie sie beehrten, danken.

Den Auftrag an Herrn Prof. Ruge werde ich gewissenhaft ausführen.

Es geht uns allen leidlich, immerhin bin ich etwas abgearbeitet und freue mich auf die Ferien, wo ich für zwei oder drei Wochen auszuspannen und irgendwo jenseits der Alpen, aber diesseits des Mittelmeeres zu bummeln und nur zub bummeln gedenkec, wenn mich nicht Familienereignisse ablenken werden. (Meine Schwiegermutter ist schwer und unheilbar krank) Mit den Vorarbeiten für eine neue Abtheilung meines Lehrbuches (welched eine Einleitung zu den Metazoen || enthalten wird) bin ich schon ziemlich weit vorgerückt, so dass ich hoffen kann, sie noch in diesem Jahre veröffentlichen zu können. Im Laboratorium wird fleissig gearbeitet. Es sind die letzten Winkel mit Doktoranden und jungen Forschern ♀und ♂ besetzt, die bunt aus allen Himmelsgegenden Deutschland, Holland, Norwegen, Polen, Russland, England, Japan, Californien, Argentinien und der Schweiz zusammengewürfelt sind. Ein junger Forscher aus Japan hat 27 lebende Exemplare von Coeloplana gesammelt und will sie hier bearbeiten. Glücklicherweise steht mir Herr Dr Hercheler als unübertrefflicher „Chef de Laboratoire“ zur Seite und ebenso ein sehr guter zweiter Assistent, Herr Wettstein.

Es freut mich ausserordentlich, dass man sich im Referirabend hie und da meiner noch erinnert. Auch || ich und meine Frau denken häufig an das liebe Jena, das uns – in erster Linie dank Ihrer väterlichen, liebenswürdigen Fürsorge – zur zweiten Heimath geworden ist.

Zum Fenster hinaus blickend sehe ich den prächtigen Kranz der tief im Schnee steckenden Schneeberge, davor in der Mitte die Pyramide des Mythenstockes, alles durch den Föhn ganz in die Nähe gerückt. Der Mythen lässt Sie durch mich wiederum zu einem neuen Besuch einladen.

Nochmals meinee besten Wünsche und Grüsse von Ihrem stetsfort in aufrichtiger Verehrung und Dankbarkeit ergebener

Arnold Lang

a eingef. mit Einfügungszeichen: aber; b eingef.: zu; c gestr.: werde, eingef. mit Einfügungszeichen: gedenke; d korr. aus: bin; e korr. aus: die

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
01-01-1902
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 27193
ID
27193