Lang, Arnold

Arnold Lang an Ernst Haeckel, Zürich, 29. Dezember 1899

ZOOLOGISCH-VERGL.a ANATOMISCHES LABORATORIUM

BEIDER HOCHSCHULEN

ZÜRICH.

29. XII 99

Verehrter und lieber Lehrer!

Gestatten Sie Ihrem alten Ritter-Professor, dass er Ihnen beim Jahreswechsel – wir trotzige Schweizer fügen uns weder dem Pabste noch dem Kaiser – die herzlichsten Glückwünsche darbringt. Vor allem aber sage ich Ihnen herzlichen Dank für die Zusendung Ihrer „Welträthsel“ die ich schon vor einigen Wochen gelesen habe. Jetzt hat sie ein Vetter, der hier studirt mit in die Ferien genommen. Kollege Keller hat eine sehr nette Recension in der Neuen Zürcher Zeitung entstehen lassen. Dass ich principiell auf dem nämlichen Boden stehe, wissen Sie ja. Freilich || kann ich Ihrem Gedankenfluge nicht in alle Regionen folgen, so z. B. hört mein Verständniss vor dem Selbstbewusstsein auf. Auch Ihrer Diskussion der Kräftetheorien vermag ich nicht zu folgen und manches scheint mir dabei bedenklich. Aber was hat das zu bedeuten gegenüber der unvergleichlichen Geistesfreiheit, die das Buch athmet, gegenüber dem bewunderungswürdigen wissenschaftlichen Muth und der absoluten Ehrlichkeit.

Wie viele Tausende von Gebildeten mögen im Geheimen ähnlicher Ansicht sein, ohne sie auszusprechen zu wagen, ohne es zu wagen für die einzustehen. In Zürich wird das Buch offenbar viel gelesen. Was mich besonders interessirt, ist, dassb so viele Juristen es lesen. Heute sagte mir ein Bezirks-|| richter, dass alle seine Kollegen die „Welträthsel“ studiren. Er selbst hat sich mit Enthusiasmus darüber geäussert.

Entschuldigen Sie, verehrter Lehrer und Freund, dass ich Ihnen so spät danke. Ich kann zur Entschuldigung nur meinen schmerzhaften und langwierigen herpes zoster anführen und die Überladung mit Vorlesungs-Instituts- und Rektoratsarbeiten. Die Republik versteht es vortrefflich, ihre Bürger auszuquetschen. Gott sei Dank, dass es nun mit dem Rektorate zu Ende geht und dass ich nun bald wieder in mein „gewöhnliches Nichts“ zurücksinke, bei dem es mir viel wohler ist. Als Schuster (wenn freilich nur Flicker und Stümper) sehne ich mich doch wieder nach meinem Leist zurück. ||

Meiner Frau und den Kindern geht es ordentlich. Meine Frau ist als neugebackene Photographin fanatisch. Kein Mensch, kein Tier, das in die Nähe des Rigiquartiers kommt, ist vor ihr sicher. Alle lassen von Herzen grüssen. Zu unserem grossen Bedauern haben wir vernommen, dass Ihre Frau Gemahlin wieder recht unwohl ist. Wir wünschen von Herzen baldige Genesung.

Und nun nochmals besten Dank und warme Wünsche!

Ihr getreu ergebener

Arnold Lang

a korr. in: Sana; b eingef. mit Einfügungszeichen: dass

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
29-12-1899
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 27190
ID
27190