Lang, Arnold

Arnold Lang an Ernst Haeckel, Zürich, 1. Januar 1894

Zürich am Neujahrstage 1894

Verehrter Lehrer und lieber Freund!

Ich komme etwas spät mit meinen Glückwünschen, sie sind darum nicht weniger herzlich. Mit schulmeisterlichem Pedantismus habe ich bis zum ersten Tage der Weihnachtsferien gewartet, bis ich die böse Influenza an mich herankommen liess, die mich eine ganze Woche an’s Bett fesselte. Eben bin ich zum ersten Male aufgestanden und mein erstes Briefchen soll Ihnen, meinem verehrten Lehrer, gelten.

Ich habe noch viele Dankesbezeugungen für Ihre Briefe und || Sendungen nachzuholen! Sie bringen jeweilen die hellste Freude und den wärmsten Sonnenschein in unsere kleine Familie. Die schöne Photographie des illustren Referirabends habe ich gewiss auch Ihnen zu verdanken!

Ich bin stark überarbeitet und freue mich auf die Frühjahrsferien. Ich werde dann 14 Tage lang ganz ausspannen; das wird mir wohl thun.

Mit meiner vergl. Anatomie (Abtheil. Wirbellose Thiere) bin ich jetzt fast ganz fertig. Die Influenza ist störend vor das Ende getreten. Gott sei Dank, wenn diese Arbeit fertig ist. Die Echinodermen haben mir viel Mühe gemacht, besonders das Skeletsystem. Es ist aber dabei nichts herausgekommen. Die systematische Stellung der ganzen Gruppe scheint mir || räthselhafter als je und auch die phylogenetischen Beziehungen der einzelnen Klassen des Stammes lassen sich deuten wie man eben will.

Abgesehen von der vielen Arbeit für das Lehrbuch blüht mir eine erschreckende Lehrthätigkeit. Die Zahl der Studirenden der Medizin und Naturwissenschaften nimmt zu. In der allgemeinen Zoologie reicht das grösste Audit. d. Universität (das bis 100 Zuhörer fasst) nicht mehr aus und im täglichen Laboratorium sind wir bis auf 19 Praktikanten angekommen. Es ist dies eine schwere Plage für mich, zumal der Assistent beständig kränkelt (jetzt sogar schwer krank zu Bette liegt) und das Laboratorium selbst so schlecht eingerichtet ist.

Sie haben schon von uns vernommen, dass wir bauen wollen. Ich habe in || kürzerer Zeit als Sie durch Nicht-Rauchen das nöthige Kleingeld für ein Häuschen bei Seite gelegt (– seit 4 Monaten habe ich das Rauchen sistirt, dadurch bin ich sicher um einige mm oder M in Ihrer Achtung gestiegen).

Das Häuschen wird eine unvergleichliche Aussicht auf d. Limmatthal, d. See und die Alpen oder die Schneeberge, wie wir sie nennen, haben. Bei einer Oberfläche von 15000 Fuss wird das Grundstückchen Platz genug für Pflanzenkulturen bieten, auf die ich mich riesig freue. Wir werden uns Ihre und unseres Freundes Stahl Rathschläge erbitten. Meine Schwiegermutter hat den Bauplatz und noch mehr geschenkt. Was sagen Sie zu einer solchen Schwiegermutter? Ich will darüber an Gustav Freitag schreiben.

Ich eile z. Schlusse! Seien Sie mitsammt Ihrer hochverehrten Familie auf das Wärmste gegrüsst von Ihrem treu ergebenen und dankbaren Ritter-Professor, von dessen Frau und den Kindern Rosa Lilia und Marietta. Wir wünschen Ihnen alles Gute, vor allem aber die allerbeste Gesundheit. Auf Wiedersehen im Jahre 1894.

Ihr Arnold Lang

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
01-01-1894
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 27174
ID
27174