Lang, Arnold

Arnold Lang an Ernst Haeckel, Obstalden, 11. September 1892

Mein verehrter Lehrer und Freund!

Ich erlaube mir Ihnen heute – endlich – die 3te Abtheilung meines Lehrbuches zuzuschicken, mit der Bitte, das Elaborat gütig aufnehmen zu wollen. Nach der Mühe und dem Fleisse berechnet, den ich darauf verwendet habe, sollte das Buch etwas rechtes sein, aber das Talent lässt sich eben nicht durch Geduld und Ausdauer allein ersetzen. Es würde mich freuen, wenn Sie mir – ganz gelegentlich – Ihre Ansicht mittheilen wollten.

Seit ich Ihnen zum letzten Male geschrieben habe haben sich in Jena grosse Ereignisse zugetragen. Bismarck ist dort von Ihnen zum Ehrendoctor || der Phylogenie ernannt worden! Ich hätte mir nicht gedacht, dass ich je in so nahe Beziehung zu Bismarck treten würde: Er erster Doctor, ich erster Professor der Phylogenie. Am Ende habilitirt sich Bismarck in seinen alten Tagen noch und nimmt Kükenthal die Zuhörer vorweg.

Ich habe die Bismarckbewegung hauptsächlich in ihrer Jenenserphase aufmerksam verfolgt. Wenn ich auch – trotz der Bewunderung die ich für die weltgeschichtlichea Riesenfigur Bismarcks hege; b mit ihr als Schweizer und demokratischer Republicaner nicht sympathisiren kann, so würde ich doch wohl als Deutscher ganz von denselben Gefühlen ihm gegenüber beseelt sein, wie Sie. Gegenüber der in beängstigender Weise eintretenden || schwarzen Reaction musste auch mir eine Bismarck’sche Kraftregierung als ein wahrer Segen und eine Wohlthat erscheinen.

Die Sarasin erzählten mir letzthin, dass Hamann prov. Bibliothekar in Berlin geworden seic und vielleicht sogar nach Marburg berufen werde, als Belohnung für seine Bekehrung zum Antidarwinismus. Es freut mich nur, verehrter Lehrer und lieber Freund, dass mir die Ereignisse mit Bezug auf d meine Beurtheilung Hamanns so sehr Recht gegeben haben und dass dieser Mensch nicht zweiter Ritter-Professor geworden ist.

Ich sitze hier im lieblichen Obstalden mitten zwischen 6 grossen Bücherkisten, die mich für die Redaktion der Schlusslieferung der wirbellosen Thiere inspiriren sollen. || Wissen Sie, ob und wann das Gegenbauer’sche Lehrbuch der vergl. Anatomie der Wirbelthiere erscheint? Sie schrieben mir schon vor mehr als einem Jahre, dass es fast fertig gedruckt sei.

Ich kann keinen meiner Briefe schließen, ohne nicht der Hoffnung der gesammten Familie Ihres ersten Ritterprofessors Ausdruck zu geben, dass wir Sie bald wieder einmal bei uns sehen werden. Wir haben eine wahre Sehnsucht nach Ihnen. Meine Frau befindet sich wohl und den Kindern geht es recht gut. Rosa Lilia läuft mit der Dorfjugend in Feld, Wald und Wiesen herum und zeigt deutliche Anlagen zu einem Hirtenmädchen. Ich hoffe zuversichtlich dass auch Sie und Ihre ganze verehrte Familie sich wohl befinden und Sie auf das Herzlichste.

In alter Treue und Verehrung

Ihr Arnold Lang

Obstalden, St. Glarus den 11ten Sept. 1892.e

a mit Einfügungszeichen eingef.: weltgeschichtliche; b gestr.: ich als; c eingef.: sei; d gestr.: B; e Text weiter am linken Rand von S. 4: Obstalden … 1892.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
11-09-1892
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 27169
ID
27169