Lang, Arnold

Arnold Lang an Ernst Haeckel, Zürich, 29. Oktober 1889

Mein hochverehrter Lehrer!

Gestern erhielt ich zu meiner grössten Freude aus Berlin die 2 Bände der neuen Auflage Ihrer Schöpfungsgeschichte. Ich freue mich riesig über das prächtige, stattliche Buch und muss immer mehr Ihre unerschöpfliche, immer jugendliche Arbeitsfreudigkeit und die Klarheit sowie die Formvollendung der Darstellung bewundern. Von Herzen wünscht Ihnen Ihr alter Ritter-Professor Glück zur Vollendung des Buches. Herzlichen Dank für die freundliche Zusendung desselben. Im nächsten Frühjahr, wenn Sie nach Zürich kommen (ich halte das für abgemacht) werden Sie noch eine Dedication hineinschreiben, nicht wahr? ||

Es freut mich, dass Kükenthal nun Ritter-Professor geworden ist. Er ist gewiss voll Jubel. Ich hoffe bald einen Brief von ihm zu erhalten.

Meiner Gastrula geht es ordentlich. Das Entoderm fängt an, sich wieder mit seiner angestammten Rolle auszusöhnen.

Meine Vorlesungen habe ich am 22ten begonnen und ich bin mit dem Besuch derselben sehr zufrieden. In der allgemeinen Zoologie habe ich gegen 100, in der vergleich. Anatomie gegen 60 und im Cursus ca 15 Studirende. Die Entwicklung des Laboratoriums bereitet noch grosse Schwierigkeiten.

Meine Gedanken und die meiner lieben Frau sind oft im geliebten Jena, bei Ihnen vorzugsweise, dann im Referirabend, im Institut auf der Schweizerhöhe u.s.w.

Dem Referirabend meine ergebensten Grüsse. Er möge mir als altem Hanse folgenden || Vorschlag gestatten, mit dem gewiss alle einverstanden sind: Der Referirabend unternimmt – auf Kosten des Fonds der Ritter-Stiftung – eine wissenschaftliche Reise auf den Uetliberg. Die Lieferung des Alcohols übernimmt Bardeleben, der ja doch die Bonlanger-Wette verloren hat. Die Lieferung von Proteinen, Kohlenhydraten und Fetten übernehme ich und ich zweifle nicht, dass angesichts der erlauchten Gesellschaft die Regierung des Cantons Zürich einen Extrazug auf den Uetliberg zur Verfügung stellen wird. Die eidgenössische Sternwarte garantirt für gutes Wetter.

Rosa Lilia befindet sich sehr wohl. Sie ist schon eine richtige Plaudertasche. Das Wetter ist sehr mild; heute prächtige Sonne, ein wahrer Frühlingstag. Die Wiesen sind noch ganz grün! ||

Für heute will ich schliessen. Die herzlichsten und ergebensten Grüsse von Haus zu Haus. Ich hoffe, dass Sie und Ihre Familie sich des besten Wohlseins erfreuen.

Ihr dankbarer und treu ergebener

Schüler

Arnold Lang

Zürich den 29ten October 1889

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
29-10-1889
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 27158
ID
27158