Lang, Arnold

Arnold Lang an Ernst Haeckel, Jena, 2. April 1887

Jena den 2ten April 1887

Hochgeehrter und lieber Herr Professor!

Erlauben Sie Ihrem Ritter-Professor und jungem Ehemann Ihnen die herzlichsten Grüsse in’s gelobte Land zu senden. Hätte ich nicht meine kleine junge Frau zur Seite, so würden meine Gedanken wohl häufiger nach dem Süden schweifen und ich würde Sie wohl recht stark beneiden! Denn der März war noch sehr, sehr winterlich. Am Hochzeitstage schneite es so stark, dass wir befürchteten, der Eisenbahnzug möchte im Schnee stecken bleiben. Der Schnee verfolgte uns bis nach Jena, wo wir nach stark abgekürzter Reise eintrafen. Meiner kleinen Frau gefällt es sehr gut in Jena, sie freut sich ausserordentlich, Sie kennen zu lernen; denn sie hat, wie ihr Gemahl, eine grosse und aufrichtige Verehrung für Sie.

Ludwig ist nach Bonn berufen und Spengel nach Giessen, wo ich ebenfalls vorgeschlagen war. Meine Frau hatte Angst, ich würde von Jena fortberufen. || Sie möchte am liebsten hier bleiben! Es geht mir auch so. Es ist mir so wohl in Jena in der Nähe meines Lehrers, dass ich nur sehr, sehr ungern weggehen würde.

Möbius ist nach Berlin berufen, als Direktor des Museums.

Ich habe bis in die erste Märzwoche gelesen und hatte dann auch Examina. Im Physicum ging es mit wenigen Ausnahmen sehr schlecht. Die Herren wussten nichts zu sagen über Trichinen, Bandwürmer Spuhlwürmer. Man inficire sich mit Trichinen, wenn man hiesiges Fleisch esse; die Trichinen würden durch die Leucocyten aus dem Darm in die Muskeln transpotirt, die Fliegen hätten 2 Paar Flügel am Abdomen etc!! Von den 24 Candidaten hatten nur die Hälfte überhaupt Zoologie gehört, keiner bei mir und nur einer, Teuscher, den zoologischen Cursus belegt. Ich hatte den besten Willen, Teuscher eine gute Note zu geben; er wusste aber gar nichts, so dass ich ihm „ungenügend“ gab. Mit Hatl’s „genügend“ kam er aber noch durch. Ich glaube T. hat von allen das schlechteste Examen gemacht, || bei Preyer, dessen Assistent er ist, kam er mit „genügend“ durch; in Anatomie, Physik, Chemie wurde er zu leicht befunden.

Ich arbeite an meiner „Ritter-Vorlesung“; in welcher ich hauptsächlich das „biogenetische Grundgesetz“ behandeln möchte. Gegenüber der ganz einseitig ontogenetischen Richtung von Balfour, Götte und der Russen möchte ich die hohe Bedeutung der vergleichenden Anatomie gewahrt wissen und auch auf die hohe Bedeutung der physiologischen und biologischen Forschungen hinweisen, kurz in Ihrem Sinne die gegenseitige Durchdringung die einzelnen Disciplinen der Wissenschaft als ein nothwendiges Postulat hinstellen. Bei Erörterung des biogenetischen Grundgesetzes möchte ich einige neue Gesichtspunkte bei der Beurtheilung des Verhältnisses zwischen Cenogenie und Palingenie erörtern. Ich hoffe, lieber Herr Professor, dass Sie mein Vorhaben billigen. Meine Frau und ich haben bei Ihrer Frau Gemahlin Besuch gemacht und hatten dabei das Vergnügen, Nachrichten von Ihnen zu erhalten. Pohle sagte mir, dass vorgestern zwei neue Briefe von Ihnen angekommen seien. Hoffentlich enthalten sie gute Nachrichten. ||

Kükenthal ist in Coburg, wo er sich auf Disputation, Antrittsrede und Colleg vorbereitet. Weissenborn arbeitet fleissig an der Entwickelung der Insekteneier wird aber nicht zur rechten Zeit fertig. Ich habe ihm gesagt, er möchte doch den ersten mehr historisch-kritischen Theil vollenden und einreichen und nachher die sehr interessante und wichtige Untersuchung noch fortsetzen. Vielleicht würden Sie sich vor der Hand mit dem ersten Theil begnügen.

Das Laboratorium scheint sich im Sommer bevölkern zu wollen. Hubrecht empfiehlt mir einen Holländer. Ein Student aus Hamburg und einer aus Hannover (die bis jetzt in Leipzig und Freiburg gearbeitet) fragten bei mir an, ob sie in unserem Laboratorium selbstständige Arbeiten beginnen könnten.

Der Frau Professor Lang gefällt ihr „Palais“, sie macht bei den scheusslichsten Wegen Spaziergänge auf die Schweizerhöhe, auf den Forst u.s.w. Sie dankt, ebenso wie ihre umfangreichere, aber schlechtere Hälfte, recht herzlich für das prächtige Geschenk von Herr und Frau Professor Haeckel. Wir beide wünschen Ihnen Gesundheit, reichen Naturgenuss, schönes Wetter, alles was Sie sich selbst wünschen!

Die herzlichsten Grüsse von Ihrem sehr getreuen und sehr ergebenen

Arnold Lang

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
02-04-1887
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 27153
ID
27153