Lang, Arnold

Arnold Lang an Ernst Haeckel, Neapel, 5. April 1885

Hochgeehrter und lieber Herr Professor!

Vor allem muss ich Sie recht sehr um Entschuldigung bitten, dass ich Ihnen auf Ihren so äusserst liebenswürdigen Brief nicht eher geantwortet habe. Ich hatte ein Rendez-vous mit meiner Braut in Rom und nachher haben wir zusammen zwei Wochen hier in Neapel zugebracht. Da werden Sie wohl begreifen, dass ich während der Zeit nicht in der Verfassung war, uma wichtige Correspondencen zu erledigen.

Sie können sich, hochgeehrter Herr Professor, keine Vorstellung davon machen, wie sehr mirb Ihre freundlichen Zeilen wohl gethan haben! Ich werde Ihnen dafür immer von Herzen dankbar bleiben. Ganz besondere Freude hat mir auch Ihr gütiges Anerbieten, mich bei Ihnen in Jena zu habilitiren, gemacht. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, welche Genugthuung ich empfinden würde, wenn ich es so einrichten könnte, dass ich Ihr Anerbieten anzunehmen in der Lage wäre. ||

Im vorne herein halte ich darauf Ihnen zu sagen, dass ich mich nirgends lieber habilitiren würdec als bei Ihnen und in Jena. Dies gesagt, möchte ich mir erlauben, Ihnen kurz die Schwierigkeiten mitzutheilen, die sich meiner Habilitation entgegensetzend könnten!

Ich kenne die Bedingungen zur Habilitation in Jena nicht. Ich muss Ihnen also mittheilen, dass ich die letzte Classe des Gymnasiums nicht absolvirt habe und kein Abiturienten-Examen bestanden habe. Die Genfer Facultät hat mir dasselbe seiner Zeit erlassen. e Mein Doctorexamen habe ich, wie Sie sich vielleicht erinnern, bei Ihnen „magna cum laude“ gemacht. Ich weiss auch nicht, ob bei Ihnen oder überhaupt in Deutschland darauf Rücksicht genommen wird, dass ich in Bern schon 5 Semester als Privat-Docent war und schon circa 10 verschiedene Vorlesungen gehalten habe. Eine andere Frage ist ferner die, ob ich so lange ich noch in Neapel bleibe, Zeit finde, eine Habilitationsschrift auszuarbeiten. Ich bin gegenwärtig vollständig von Arbeiten, die ausschliesslich die Station betreffen, in Anspruch genommen. Damit sind die Schwierigkeiten noch nicht erschöpft. Sie würden es wahrscheinlich gerne sehen, dass ich mich schon im Sommersemester || habilitirte, um Sie dann im Wintersemester schon etwas entlasten zu können. Nun bin ich aber bis Neujahr bei Dohrn engagirt und weiss nicht, ob dieser geneigt f wäre, mich vorher gehen zu lassen.

Ein letzter Punkt, den ich leider auch sehr in Betracht ziehen muss, ist der, g dass ich noch nicht weiss, ob h ich die nöthigen Geldmittel zusammenbringen kann, und meine Angelegenheiten in Neapel in’s Reine zu bringen und um für einige Zeit in Jena leben zu können.

Sie werden vielleicht, hochgeehrter Herr Professor, die Freundlichkeit haben, mir über die ersten Punkte Ihre Ansicht mitzutheilen. In dieser Beziehung hängt ja vieles von Ihnen ab!

Jedenfalls möchte ich Sie bitten, sich versichert halten zu wollen, dass ich mit Freuden alles thun würde, um Sie zu entlasten und um Ihnen überhaupt nützlich sein können!

Dürfte ich Sie auch bitten, mir mittheilen zu wollen, welche Collegia Sie mir anvertrauen würden, für den Fall, dass ich schon im Wintersemester lesen könnte. Ich könnte mich dann schon in Neapel etwas darauf vorbereiten.

Auch Prof. Graff in Graz hatte die Freundlichkeit, mir das Anerbieten zu machen, auch || bei ihm zu habilitiren. Er würde mir für den Sommer 1886 seine Privat-Assistenz- und auch die Staats-Assistentenstelle übertragen.

Und nun noch eine Mittheilung, die ich Sie bitte, mir nicht übel nehmen zu wollen. Ich bin sowohl für Bonn als auch für Prag von einigen Seiten empfohlen. Natürlich mache ich mir durchaus keine Illusionen, aber es wäre doch schon sehr viel für mich gewonnen, wenn ich an einem sehr andern Orte wenn auch nur in dritter Linie in Vorschlag käme. Ich weiß nicht ob ich hoffen darf, dass Sie vielleicht irgendwo ein gutes Wort für mich einlegen. Es ist sonst nicht mein Brauch, mich zu empfehlen, ich habe es bis jetzt ausser bei Ihnen nur bei Prof. Weissmann, Prof. Vogt und Prof. Graff gethan. Auch Spengel habe ich geschrieben, damit er an mich denke, wenn etwa seine Stelle im Falle einer Berufung frei würde. Ich hätte mich überhaupt nirgends empfohlen, wenn ich nicht in Folge meiner Verlobung in eine ziemlich kritische Lage gekommen wäre. Ich weiss wohl, dass die Leistungen die beste Empfehlung sind und weiss ebensogut || dass jeder in seiner eigenen Sache schlechter Richter ist. Doch lassen mich die überaus zahlreichen Zuschriften, die ich von allen Seiten nach Veröffentlichung meiner Monographie erhalten habei vermuthen, j dass sie nicht ohne Werth ist! Das wenigstens kann ich behaupten, dass ich sorgfältig und gewissenhaft gearbeitet habe!

Es hat mich über alle Maassen gefreut, dass auch Sie, hochgeehrter Herr Professor, einige Worte der Anerkennung für meine Arbeit gefunden haben! Wollen Sie mich, lieber und verehrter Herr Professor, gütigst entschuldigen, wenn ich Sie mit meinem langen Geschwätz zu sehr in Anspruch genommen habek. Halten Sie sich, bitte, meiner aufrichtigen Hochachtung und Verehrung überzeugt!

Mit herzlichen Grüssen

Ihr

Arnold Lang

Neapel den 5ten April 1885.

a korr. aus: zum; b korr. aus: mich; c korr. aus: würden; d korr. aus: entgegengetzen; e gestr.: Später; f gestr.: ist; g gestr.: ist der; h gestr.: mir; i korr. aus: haben; j gestr.: vermuthen; k korr. aus: haben

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
05-04-1885
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 27145
ID
27145