Lang, Arnold

Arnold Lang an Ernst Haeckel, Neapel, 24. Januar 1883

Hochgeehrter Herr Professor!

Ihr freundlicher Brief vom 20. Januar ist eben in meine Hände gelangt und ich beeile mich denselben zu beantworten. Es ist mir zwar peinlich, Ihnen über Göldi Auskunft ertheilen zu müssen, aber ich bin auch keinen Augenblick darüber im Zweifel, dass es gerade Ihnen – dem ich so sehr viel zu verdanken habe – gegenüber, meine Pflicht ist, aufrichtig mich auszusprechen. Göldi ist meiner Ansicht zu jung und zu unerfahren nach Neapel gekommen. Er ist in zweifelhafter Gesellschaft verdorben worden und schliesslich so tief in Weibergeschichten hineingerathen, dass er nicht mehr die nöthige a moralische Kraft hatte sich herauszuarbeiten und schliesslich Handlungen beging, die mit einem einigermassen entwickelten Schamgefühl sich nicht in Einklang bringen lassen. Da seine Lebensweise andereb Geldmittel erforderte als die, welche ihm zur Verfügung standen, so war er, wie ich von seinem neapolitanischen intimus, den ich scharf in’s Verhör nahm, erfahren habe, gezwungen, || zu Mitteln Zuflucht zu nehmen, die durchaus nicht anständig genannt werden können. Ueber diesen letzten Punkt kann ich Ihnen jedoch aus eigener Erfahrung nichts positives mittheilen. Da ich die Verirrungen Göldi’s mehr auf die Einflüsse der schlechten Gesellschaft in der er sich befand, und auf die ungewohnten Verlockungen der südlichen Stadt zurückführte, so hielt ich mich, hauptsächlich dem Vater Göldi’s gegenüber für verpflichtet, dessen Abreise von Neapel und Heimkehr in’s väterliche Haus zu veranlassen. Indem ich die grosse Arbeitslust und Intelligenz Göldi’s anerkenne muss ich zugleich gestehen dass mir sein Character nicht gefällt. Zunächst war er mir gegenüber nicht aufrichtig, dann leidet er an einem Grad von Selbstüberschätzung, der an Grössenwahn grenzt und von dem ich Ihnen eine Reihe zum Theil erheiternder Beispiele citiren könnte. Ich bin bereit, falls Sie es wünschen, Ihnen nochc genauere Auskunft über das Betragen Göldi’s in Neapel zu ertheilen; ich || thue es heute nicht, weil es Sachen sind, von denen man nicht gerne spricht und noch weniger gerne schreibt. Ich hoffe dass d G. seitdem wieder in’s richtige Geleise gekommen ist und dass sein nunmehriges Betragen nichts zu wünschen übrig lässt. –

Ich weiss nicht hochgeehrter Herr Professor, wie ich Ihnen danken soll für das gütige Wohlwollen, das Sie mir bewahrt haben. Wie gerne hätte ich die Assistentenstelle übernommen, mit wie grosser Freude hätte ich mich entschlossen in Ihrer unmittelbaren Nähe als Ihr Angestellter zu arbeiten! Leider stehen mir keine Geldmittel zu Gebote und mit 300 Mark jährlich kann man wohl auch in Jena nicht leben. Ich hätte begründetee Aussicht gehabt die erledigte Professur in Neuchâtel zu bekommen (ich war der einzige der ernstlich in Betracht gezogen war) allein Prof. Dohrn konnte den Zeitpunkt der Wahl nicht abwarten und stellte mich vor die Alternative, entweder die Station zu verlassen oder auf die Concurrenz in N. zu verzichten. Da ich mich || einer guten Gesundheit und eines guten Appetites erfreue, das Brod aber Geld kostet und ich kein solches habe, so musste ich nothgedrungen auf N. das doch nicht absolut sicher war, verzichten und mich auf weitere 3 Jahre an die Station binden mit der ausdrücklichen Verpflichtung während dieser Zeitf ohne besondere Einwilligung von Prof. Dohrn keine andere Stelle anzunehmen. Meine jetzige Stellung ist in vieler Beziehung eine recht günstige (Gehalt 4000 frcs). Ich werde die Leitung der faunistischen Arbeiten übernehmen und hauptsächlich den Existenzbedingungen der Thiere meine Hauptaufmerksamkeit schenken. Allein vieles ist nicht nach meinem Geschmack und ich wäre lieber zu Ihnen oder in die Heimath übersiedelt. Meine Monographie der warmen Dendrocoelen, an der ich nun schon so lange arbeite, ist nun endlich dem Abschlusse nahe – sie wird noch in diesem Jahre erscheinen. Darf ich hoffen, dass Sie die Güte haben werden, mir Ihre Ansicht, auf die ich am meisten halte, mitzutheilen? Es gereicht mir zu der grössten Freude in Ihrem geehrten Brief zu lesen, dass es Ihnen || sehr gut geht und dass die indischen Schätze wohlbehalten angekommen sind. Mit Spannung sehe ich Ihrer neuen grossen Radiolarienmonographie entgegen.

Indem ich Sie bitte, hochgeehrter Herr Professor, sich stets meiner unverbrüchlichen Ergebenheit versichert zu halten grüsse ich Sie mit alter ausgezeichneter Hochachtung

Dr. Arnold Lang

Neapel 24.I.83.

Herrn Prof. Dr. E. Haeckel in Jena.

a gestr.: Kr; b gestr.: mit seinen, eingef.: andere; c gestr.: ganz, eingef.: noch; d gestr.: sich; e korr. aus: gegründete; f mit Einfügungszeichen eingef.: während dieser Zeit

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
24-01-1883
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Jena
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 27142
ID
27142