Lang, Arnold

Arnold Lang an Ernst Haeckel, Neapel, 5. Januar 1881

Hochgeehrter Herr Professor!

Es sind über zwei Jahre her seit ich Sie mit einem Brief behelligte. Wenn ich nun nach so langer Zeit mir wieder erlaube, Ihnen einige Mittheilungen zu machen, so giebt dazu Ihre so sehr freundliche Zusendung der Abhandlung über Medusen Anlass. Ich ersehe daraus, dass Sie Ihren ergebenen Schüler doch nicht ganz vergessen haben. Meinen besten Dank!

Beim Durchlesen Ihres Vorworts zum „System der Medusen“, kommt mir der Gedanke, dass auch ich vielleicht Ihnen in der Beschaffung des Materials in einigem nützlich sein könnte. Ich stehe, soweit ich kann, ganz zu Ihrer Verfügung. Ich sage, „soweit ich kann“, weil ich in solchen Dingen an die Regeln und Vorschriften der Station gebunden bin, deren Beamter ich bin. Die Auslieferung von Material an Naturforscher, die nicht ana der Station oder für die Stationb arbeiten, geht durch die Hände von Herrn Müller, der c verkaufsweise verschickt; jedoch wenig mehr als die Kosten der Conservation und Verpackung berechnet. Ich könnte Ihnen in sofern nützlich sein, als ich alle Medusen, die sich im Auftrieb finden (nicht nur die wenigen, die im Catalog der verkäuflichen Thiere angegeben sind) für Sie sammeln und conservirend und dann durch Hernn Müller Ihnen zuschicken könnte. Sie haben gewiss schon von Müller conservirte Medusen gesehen und sich von der schönen Conservation überzeugt. || Was die kleinen Medusen e und Jugendstadien anlangt, so liesse sich die Sache noch viel einfacher machen, wenn ich nämlich Prof. Dohrn um die Erlaubnissf fragen dürfte, für Sie zu sammeln. Sie würden in diesem Falle die Thiere direkt von mir erhalten und mir Ihre Wünsche und Aufträge übermitteln, deren Ausführung ich mir im höchsten Grade angelegen sein lassen würde. Doch vielleicht kommen Ihnen diese Vorschläge ganz ungelegen; vielleicht wünschen Sie gar nichts derartiges! In diesem Falle betrachten Sie die Anerbietungen als gar nicht gemacht; sein Sie aber immerhin überzeugt, dass Sie mit dem besten Willen von der Welt gethan worden sind.

Ich bin mit meiner neuen Stellung recht gut zufrieden. Neben meinen Berufsschichten bleibt mir immer noch Zeit zu wissenschaftlichen Arbeiten, während meine Lage in Bern trostlos war, denn ich hatte kein Geld, konnte in keinem Laboratorium arbeiten und Thür und Thor zu allem, wasg man bei zoologischen Arbeiten bedarf, blieb mir verschlossen.

In wenigen Monaten werden Manuscript und Zeichnungen meiner Monographie der marinen Dendrocoelen beendet sein. Die Anschauungen, die ich während der Zeit, da ich unter Ihrer Leitung zu studiren das Glück hatte, geschöpft habe, brachten mir bei der Bearbeitung der Thiergruppe zahlreiche Früchte und nichts würde mich glücklicher machen, als der Gedanke, dass Sie, Herr Professor, einigermassen mit meinen Leistungen zufrieden seien. Ich hatte ein sehr reichliches Material und viele neue Formen, die sehr von den bisher bekannten abweichen und nach neuer Ansicht viel Sicht auf || die Verwandtschaftsbeziehungen der Plathelminthen werfen.

In einigen Wochen werde ich mir erlauben, Ihnen den dritten Theil meiner Untersuchungen über das Nervensystem der Plathelminthen zuzusenden. Er handelt über das Nervensystem der Certoden. Mögen Sie den Aufsatz günstig aufnehmen! Eben schliesse ich ferner eine Arbeit über eine monogonopore marineh Planarie ab. Das Thier ist auffallend segmentirt; die kaum verästelten Darmäste entsprechen sich rechts und links; die 2 Hauptstämme des Nervensystems sind in regelmässigen Abständen durch Quercommissuren verbunden, die der Zahl und Lage nach den Darmästen entsprechen. Auch die Hoden sind der Zahl und Lage nach segmental angeordnet und anstatt der terminalen Oeffnung des Wassergefäßsystems finden sich mehrere Oeffnungen die, hintereinandergelegen, jedeseits an der Körperoberseite anmünden. Die Dotterstöcke sind segmental während diei Eierstöcke nur in einem Paar vorhanden. Hatte das Thier Fussstummeln & Borsten, und wäre der Pharynx im Bau und in der Lage anders beschaffenj, so wäre man beinahe gezwungen, es für einen Anneliden zu erklären.

Doch, ich habe Ihre kostbare Zeit nun genug in Anspruch genommen! Entschuldigen Sie gütigst meine Zudringlichkeit mit der Anhänglichkeit und Ergebenheit, die ich stets für meinen lieben Lehrer, dem ich so sehr zu Dank verpflichtet bin, bewahren werde und genehmigen Sie die Versicherung meiner unverbrüchlichen Hochachtung

Ihres ergebenen

Arnold Lang

Neapel, 5/I 1881.

N. B Wollen Sie so freundlich sein, die Herren Hertwig von mir zu grüssen?!

a korr. aus: in; b mit Einfügungszeichen eingef.: oder für die Station; c gestr.: seine; d korr. aus: conservirt; e gestr.: betrifft; f mit Einfügungszeichen eingef.: um die Erlaubniss; g korr. aus: wessen; h mit Einfügungszeichen eingef.: marine; i mit Einfügungszeichen eingef.: die; j mit Einfügungszeichen eingef.: beschaffen

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
05-01-1881
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 27139
ID
27139