Lang, Arnold

Arnold Lang an Ernst Haeckel, St. Mary’s, 27. Juli 1876

Hochgeehrter Herr Professor!

Ich will Ihnen von den Scilly-Inseln aus einige Nachrichten zukommen lassen. Haben Sie Zeit und Lust, dieselben zu lesen, so freut es mich; wo nicht, so geniessen Sie wenigstens die Ehre, in Ihren Papierkorb zu wandern, wo sie wahrscheinlich Haeckelogonien und Haeckelismen Gesellschaft leisten können.

Bevor ich a meine „Bildungsreise“ antrat, habe ich mich, Ihrem gütigen Rathe folgend, in Bern habilitirt. Zum Gegenstand meiner Antrittsvorlesung habe ich „das biogenetische Grundgesetz“ gemacht. Ich hielt es für gut, beim Eintritt in meine academische || Laufbahn gleich den Standpunkt darzulegen, von dem aus ich die Objekte meiner Wissenschaft in Zukunft zu betrachten gedenke. Natürlich fehlte es nicht an Gehässigkeiten von Seiten einiger Professoren, gerichtet gegen den Urheber des besagten Gesetzes. Einen sehr guten Eindruck hat b Prof. Aebi auf michc gemacht.

Was nun die Scilly-Inseln anbelangt, so bin ich äusserst zufrieden, dieselben zu meinem Aufenthaltsort gemacht zu haben. Das Climat ist äusserst angenehm, die Inseln selbst reizend. Die Einwohner sprechen ein aussergewöhnlich reines Englisch. Der Naturforscher findet Material in Hülle und Fülle. ||

Die tausendfach zerklüfteten, vielgestaltigen Granitfelsen, aus welchen alle Inseln bestehen, sind von Organismen aller Klassen und Familien bedeckt. Da wo sie das Meer bedeckt, finden sich eine Masse festsitzender Thiere, Tange in Hülle und Fülle, und zwischen diesen die ihnen eigenthümliche Thierwelt. Ich habe ziemlich viele Turbellarien angetroffen, worunter blos drei kleine Dendrocoele, voellig neue Arten. Auch von den Rhabdocoelen, die ich gefunden, ist soviel ich weiss, blos eine beschrieben, die gemeine Convoluta paradoxa. Bei meiner Arbeit fühle ich recht empfindlich, wie oberflächlich alle bisherigen || Arbeiten, mit Ausnahmen deren von Graff und Knappert, sind. Ich habe bis jetzt keine Art in ihrer Entwicklung beobachten können.

d Die Vegetation des trockenen Landes ist äusserst interessant. Sie unterscheidet sich so sehr von der Flora Mittel-Europas, dass ich blos 5–6 Schweizer Pflanzenarten hier wiederfinden konnte. Palmen und andere tropische Pflanzen gedeihen ausserordentlich gut. Der Garten des Herrn Smith, Gouverneut der Inseln, in Tresco, e übertrifft an Mannigfaltigkeit, Pracht und Ueppigkeit tropischer Pflanzen die schönsten Gärten, die ich in Nizza gesehen. || Ich wundere mich wirklich, dass die Inseln nicht f öfter von Naturforschern besucht werden. In den 50er Jahren war der ältere Carus den Sommer über hier, nachher Lewes, der Autor der Biographie von Goethe. Lewes hat in seinem Ihnen vielleicht bekannten Werke „sea side studies“ den Scilly-Inseln zwei Capitel gewidmet. Das Werk zeichnet sich vor ähnlichen englischen durch Wissenschaftlichkeit und insbesondere durch treffliche naturphilosophische Erörterungen vortheilhaft aus.

Ich lebe hier viel billiger als an der Nordsee. || An das englische Leben habe ich mich rasch gewöhnt, jedoch nicht an die englische Frömmigkeit, die wirklich ekelhaft ist. Ich bin überzeugt, daran ist in England blos das weibliche Geschlecht und die zu große Rücksichtnahme der Männer gegenüber demselben Schuld. Könnte man England für einige Jahre „entweibern“, so würden sich die Verhältnisse sehr rasch ändern und die Engländer würden ihren Collektivbegriff „Rationalist“ nicht ausschließlich in Verbindung mit „deutsch“ gebrauchen.

Mit den herzlichsten Grüßen

Ihr ganz ergebener Schüler

Arnold Lang

St. Mary’s Scilly.

27ten Juli 1876.

a gestr.: mich; b gestr.: mir; c eingef. mit Einfügungszeichen: auf mich; d gestr.: Auch; e gestr.: la; f gestr.: mehr

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
27-07-1876
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 27132
ID
27132