Ehlers, Ernst

Ernst Ehlers an Ernst Haeckel, Göttingen, 28. Mai 1893

Göttingen 28.V.1893.

Lieber Haeckel!

Dass ich Ihren Brief vom 20dm nicht umgehend beantwortet habe, entschuldigen Sie wohl mit den Verhältnissen, in denen ich die abgelaufene Woche verlebt habe. Während der beiden Pfingsttage war ich zur Erholung, aus allen Geschäften losgelöst, auf der Wilhelmshöhe bei Cassel, seitdem haben mich bis gestern Abend Anatomen und Zoologen nacheinander beschäftigt. Die Ruhe des Sonntagsmorgen gilt zunächst Ihnen, und der Beantwortung Ihrer Fragen.

ad 1) ob Hamann Vorlesungen über Darwinismus hier gehalten hat, habe ich mit: Ja zu beantworten. Ob jedesmal die angekündigte Vorlesung || zu Stande gekommen ist, weiss ich nicht.

ad 2) Darüber ob diese Vorlesungen ungefähr in demselben Sinne gehalten sind, wie sein berüchtigtes Buch, kann ich Nichts angeben. Hamann hat, soviel ich weiss, diese Vorlesung nicht in unserem Institute, in dem er nach dem Ausscheiden aus der Assistenten-Stelle überhaupt nur selten zu sehen war, sondern im Auditorienhause gehaltena: von seinen Hörern habe ich Niemals etwas über die Vorlesung gehört. Durch Mittelpersonen mir zugetragenen Äusserungen darüber kann ich keinen Werth legen.

ad 3) Von der hiesigen philosph. Facultät ist Hamann zum Professor nicht vorgeschlagen; ich bin darüber gleichfalls nicht befragt. Die Verleihung des Professor-Titels an H. erfolgte zu der Zeit, als er von hier nach Berlin übersiedelte. ||

Übrigens wird Hamann noch unter unseren Privatdocenten weitergeführt; er ist z. Z. nur beurlaubt.

Mich überrascht am Ende Ihres Briefes die Äusserung, das H. sehr vermögend sein solle. Das steht damit im Widerspruch, dass er, soviel ich weiss, das Privatdocenten-Stipendium

gehabt hat.

Dass übrigens Hamann Sie entweder zum Zweikampf fordern (!) oder verklagen musste, das war mir nicht zweifelhaft. Den Vorwurf der Käuflichkeit, den Sie gegen ihn erhoben haben, konnte er nicht auf sich sitzen lassen, ihn auch durch literarischeb Polemik nicht abweisen. Hamann hat hier schon processirt, in einem mir bekannten Falle mit seiner Hauswirthin zu seinem Nachtheile; ich bin gespannt zu erfahren, ob er diesmal Ihnen gegenüber besser fahren wird.

Ich bedaure, dass ich nicht das Vergnügen gehabt || habe, Sie hier in den letzten Tagen gesehen zu haben, ich musste mich schon mit der Freude begnügen, die mir die H. H. Semon und Kükenthal durch ihr Erscheinen und ihre Mittheilungen machten. Nun wird es wieder an die stille Arbeit gehen, und vielleicht wirken doch manche Anregungen nach, die uns hier geboten wurden, und dazu zähle ich auch besonders H. Kükenthals Berichte über die Entwicklung der Wale.

Dass Sie alt und unbrauchbar werden, wie sie am Schluss schreibenc, glaube ich nicht; das halte ich nur für den Ausdruck einer vorübergehenden Stimmung. Wohl habe auch ich das Gefühl, dass man einsam wird in der Welt und nicht mehr ganz die nachwachsende Jugend versteht, zumal wenn sie in politicis sich von liberalen Anschauungen abwendet. Aber da halte ich am Alten fest.

Lassen Sie es auch zwischen uns beim Alten bleiben lassen.

Treulichst Ihr

E. Ehlers.

a eingef.: gehalten; b korr. aus: h; c korr. aus: Schreiben

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
28-05-1893
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 2711
ID
2711