Ehlers, Ernst

Ernst Ehlers an Ernst Haeckel, Göttingen, 27. Dezember 1892

Göttingen 27.XII.1892

Lieber Haeckel!

Ich danke Ihnen bestens für die freundliche Übersendung Ihres „Monismus“, den ich in der Ruhe der Weichnatstage sofort durchgelesen habe. Ich sehe, wir stehen im Allgemeinen auf gleichem Boden der Weltanschauung, wie viele, denen mehr noch als mir an bestimmterer Formulirung gelegen ist. Mit Ihnen erwarte ich von der Zukunft grössere Aufklärung über die Einheit des Naturwesens. Dabei zweifle ich allerdings gar manchmal, ob unsere jetzige Physik und zumal Chemie dazu auf richtigem Wege sind. „Encheiresin || naturae“ spottet Göthe aus Mephistos Munde, und das Wort ist scheint mir immer noch brauchbara, wenn man, wie viele Chemiker, an Kunstproducten Naturgeheimnisse erkennen will. Darüber wäre wohl Manches zu sagen.

Ihre Abrechnung mit Hamann ist gründlich. Ich habe in den letzten Jahren seines hiesigen Aufenthaltes kaum etwas mit ihm zu thun gehabt, und war durch das Erscheinen seines Buches nicht wenig überrascht. Dass er mir kein Exemplar davon gegeben, ist mir ein Zeichen dafür, dass er meine ablehnende Stellung dagegen wohl gefühlt hat. Hamann ist meines Erachtens ein Mensch, der für die Wissenschaft trotz seiner Intelligenz an Schwächen und Fehlern des Characters zu Grunde geht. Ich vermuthe, dass er im Literatenthum seine || Laufbahn beschliesst, und zwar im Dienste einer conservativ-antisemitischen Richtung. Ich bedaure unendlich seine brave Frau und die Kinder, aber wie soll man da helfen?

Dass Sie mit Hensen über das Plankton in einen so erbitterten Streit gerathen sind, beklage ich vor Allem auch der Sache wegen. Hier hätte doch eine Verständigung sich müssen finden lassen. Ich fürchte, man wird aus diesem Streit Anlass nehmen, von Seiten der Juristen, Bureaukraten und tutti quanti die Nutzlosigkeit der Verwendung staatlicher Mittel für zoologische Untersuchungen im grösseren Stile daher abzuleiten. An Anläufen dazu fehlt es nicht. Im übrigen sehe ich Ihren weiteren Mittheilungen über das Plankton mit Interesse entgegen. Ich hege noch immer die Hoff-||nung, dass Ihre und Hensens Untersuchung doch noch zu allgemein gültigen Ergebnissen zusammenlaufen. Meines Erachtens müsste auch der Versuch gemacht werden, das „Plankton“ nach Trocken“ und „Eiwisssubstanz“ zu bestimmen, um zu finden, ob allgemein gültige Werthe zu erhaltenb sind.

Möchte das neue Jahr Ihnen und denc Ihrigen Erfreuliches bringen; gedenken Sie dann auch fernerhin freundlich

Ihres alten

E. Ehlers.

a korr. aus: brauchbarn; b korr. aus: bestimmen; c eingef.: den

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
27-12-1892
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 2710
ID
2710