Ehlers, Ernst

Ernst Ehlers an Ernst Haeckel, Erlangen, 19. Februar 1871

Lieber Haeckel!

Ohne weitere vorläufige Anfrage erlaube ich mir Ihnen einige Personen in beifolgendera Schachtel wohlverpackt zu übersenden, Kalkschwämme, die mir in diesen Tagen unter die Hände gekommen sind. Die in dem Glase ohne weitere Bezeichnung enthaltenen 2 Stücke, fand ich in einem Glase aus der Sammlung zu Cambridge (Mass.) mit der Etiquette „E.A.Verrill - Eastport. Oct.65“ sie gehören also zur nordamerikan. atlant. Fauna. Die anderen (mit der Bezeichnung 68 Hgl Wldbg) fand ich zwischen Würmern von der Heuglin-Waldburg’schen Spitzbergen-Expedition. Sie wurden inb c der Zweigletcherbuchtd gesammelt. Da beide Sachen nicht mir gehören und ich ohne weitere Erlaubniss dazu eingeholt zu haben Ihnen dieselben ohne weiteres zusende, so muss ich Sie allerdings bitten, mir dieselben nach der Benutzung gefälligst wieder zusenden zu wollen. – Ich werde Ihnen in diesen Tagen eine || vorläufige Mittheilung über eine Hornspongie ohne Oscula Poren und Canäle zugehen lassen, die in mir den ketzerischen Gedanken wach ruft ob es nicht vortheilhafter ist, die Kalkschwämme ganz von den übrigen Spongien zu trennen und zu den Coelenteraten, wie Sie es ja jetzt auch gutheissen, zu stellen; die übrigen Spongien aber als Protisten aufzufassen, welche uns Formen vorstellen können, aus denen vielleicht Kalkschwämme sich entwickelt haben. Denn dass nach ihrer ganzen Organisation und ihren Geweben die Kalkschwämme viel weiter entwickelt sind als die übrigen Spongien, dass zumal die Ausbildung des Canalsystemes eine viel vollständigeree ist, scheint mir doch zweifellos. Ich sollte meinen, dass das, was wir bis jetzt über die Spongien-Entwicklung erfahren haben, doch auch ähnliche Anschauungen begünstigen müsste.

Ich will aber in diesem Briefe, der nur ein Begleitschein sein soll, darüber nicht überflüssig breit Ihnen gegenüber werden. Es hat mich gefreut zu hören, dass Sie einen Ruf nach Wien || gehabt und abgelehnt haben. Wer mag denn nun unter dem neusten Ministerium ultramontaner Richtung der auserlesene sein? Ich hatte immer gedacht, Osc. Schmidt würde von Graz nach Wien übersiedeln. – Von Engelmann erhielt ich gestern die Nachricht, dass Carus an einer Pleuritis schwer krank danieder liegt; ich hoffe für ihn und die Seinen, dass er die Krankheit überwinden möge.

Mit der Bitte mich unbekannter Weise Ihrer verehrten Frau zu empfehlen und mit herzlichen Grüssen in alter Freundschaft

Ihr

E. Ehlers

Erlangen

19.Febr.1871

a korr. aus: beiliegender; b korr. aus: im; c gestr.: Storfjord; d eingef.: der Zweigletcherbucht; e irrtüml.: vollstandigere

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
19-02-1871
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 2703
ID
2703