Gude, Karl

Karl Gude an Ernst Haeckel, Magdeburg, 3. Januar 1894

Magdeburg, den 3 Jan. 94.

Mein lieber Freund!

Vielen, vielen Dank für die prachtvolle Weihnachtsgabe, die mich hoch erfreut hat, um so mehr, da ich aus derselben zugleich ersehen habe, daß Du meiner immer noch in alter Liebe gedenkst, obgleich ich unverantwortlicher Weise lange Zeit hindurch kein Lebenszeichen von mir gab. Und doch hätte mich dazu schon das mir übersandte Buch der Bismarckfeier in Jena bewegen sollen, zumal ich ein Verehrer Bismarcks bin. Man wird alt und gedächtnisschwach, namentlich im Briefschreiben. Ich könnte Dir die tollsten Streiche darüber mitteilen, Streiche über die ich selbst a lachen muß. Gedacht wird Deiner oft, mehr als Du glaubst, nicht bloß wenn ich in den Bücherschrank schaue u. mir daselbst auch Geschenke aus alter seliger Zeit in Merseburg freundlich zuwinken, wie z. B. Schleidens Leben der Pflanze u. die Werke Luthers, sondern auch sehr oft des Sonnabends Nachmittag im || Kreise von Damen, früheren Schülerinnen u. jetzt meine Gehilfinnen. Ich trinke nämlich bei denselben seit vielen Jahren des Nachmittags an dem genannten Tage regelmäßig den Kaffee. Alle haben Deine mir übersandten Reiseberichte mit Vergnügen gelesen u. die Unterhaltung drehet sich noch jetzt oft um diese. Das Interesse für Dich ist außerdem noch erhöhet und wach erhalten worden, daß eine Freundin dieser Damen Dich persönlich kennt und für Dich u. Deine Vorträge begeistert ist. Wie werden sie sich freuen, wenn ich nächsten Sonnabend ihnen die herrlichen Illustrationen nebst Porträt vorlege, u. aus Deiner Knabenzeit ich ihnen manches berichten kann, was übrigens schon öfter geschehen ist. O selige Zeit! wie bist Du so weit! Ich nannte vorhin die Damen meine Gehilfinnen. Sie haben nämlich mir seit Jahren unermüdlich die Durchsicht der Korrekturbogen besorgt, mit einer solchen Genauigkeit u. einem solchen Verständnis, daß ich sehr oft die Bogen || gar nicht durchgesehen habe, um meine altersschwachen Augen zu schonen. Es ist dieses namentlich im Sommer 1892 der Fall gewesen, in welchem Jahre die Korrekturbogen aus der Druckerei mit der Hetzpeitsche herangeflogen kamen. Die „Erläuterungen deutscher Dichtungen“ haben sich nämlich trotz der großen Concurrenz u. trotz der 3000 Ex. jeder Auflage tapfer obenauf gehalten u. gehen seit einiger Zeit auch ins Ausland nach solchen Orten, wo der deutsche Unterricht mit auf dem Lectionsplane steht. Im Inlande habe ich dieses sicherlich mit dem Worte des Kaisers zu verdanken, daß der Unterricht im Deutschen mehr in den b Mittelpunkt der höheren Schulen gerückt werden müsse, als es bisher geschehen, eine Ansicht, die ich vollständig teile u. die Freund Hiecke schon vor 50 Jahren in seinem trefflichen Buche „über den deutschen Unterricht auf den Gymnasien“ begründet u. überzeugend nachgewiesen hat, aber wenig beachtet worden ist, selbst in den höheren Töchterschulen. So sind die Menschen! Wenn ein gewöhnlicher Sterblicher eine berechtigte Forderung ausspricht, das hilft nichts, oder doch nur wenig; spricht sie aber ein Herrscher aus, dann hat dieses einen ganz anderen Erfolg. Ich habe dadurch außer dem pecuniären Vorteile den viel größeren gehabt, daß mir eine angenehme Beschäftigung bis ins hohe Alter zuteil geworden ist. Ich wäre ein unglücklicher Mensch, wenn ich nichts zu schaffen hätte. In der Arbeit steckt ein Genuß, der durch nichts zu ersetzen ist. Freilich geht es mit dem Schaffen || jetzt langsam, aber das bloße Lesen u. Spazierengehen bekommt man bald satt; es hat keinen höheren Zweck.

Den vergangenen Sommer habe ich wieder mehrere Monate in Braunlage mich niedergelassen, welches in der Nähe des Brockens liegt, rings von herrlichen Tannenwäldern umgeben ist, die ich so sehr liebe, habe wieder in dem schloßartigen Schulgebäude gewohnt, welches mit Turm u. Uhr versehen ist u. bin wieder von derselben Aufwartung bedient worden, welche jeden Morgen mit dem letzten Glockenschlage 6 u. jeden Abend mit dem letzten Glockenschlage sieben antrat, eine Pünktlichkeit, die zu meinem Wohlbefinden gehört. Ich bin ein Uhr – nicht Urmensch – geworden, und eine meiner Gehilfinnen hat mich „die wandelnde Glocke“ getauft. Das kommt davon, wenn man als Hagestolz durchs Leben gegangen ist. Es erzieht nichts mehr den Menschen, als die Ehe.

Hasserode und Wernigerode sind Orte der Wehmut geworden. Die Eltern sind tot, mein Schwager, der eine schöne Besitzung am Kreuzberge bei Wernigerode hatte, ist gestorben u. meine Schwester deshalb nach Potsdam zu ihrer Tochter gezogen, mein Bruder in Wernigerode ist auch tot und von den alten Kollegen in Magdeburg sindc auch nur wenige noch am Leben. Ich wandere wie auf einem großen Friedhofe u. trete auch bald in ein Alter, von dem es heißt, wenn es hoch kommt, währt esd 80 Jahr. Nicht unter allen Umständen ist es ein Glück, alt zu werden. Ist man sich u. anderen zur Last, dann lieber fort.

Das alte Jahr ist in finsteren Leidenschaften zu Grabe gegangen. Erregung von Haß u. Unzufriedenheit auf allen Gebieten, auf dem politischen, wie auf dem kirchlichen u. sozialen. Die Unzufriedenheit wird immer größer u. die Genußsucht immer stärker. Möge das neue Jahr besser verlaufen. Mit diesem Wunsche u. mit der Bitte, die e Deinen herzl. von mir zu grüßen, schließt in alter Liebe immerdar

Dein

K. Gude

a gestr.: oft; b gestr.: Schulen; c gestr.: leben; eingefügt: sind; d eingefügt: währt es; e gestr.: die

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
03-01-1894
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 267
ID
267