Eggeling, Heinrich von

Heinrich von Eggeling an Ernst Haeckel, Jena, 13. März 1904

Jena 13/ III 1904

Hochverehrter lieber Freund!

So, nun ist gestern die letzte Prüfung abgehalten und die eingekehrten Ferien machen sich auch in einiger, wenn auch nur geringer Minderung meiner dienstlichen Verpflichtungen bemerklich. Da will ich denn von allen aufgelaufenen Briefschulden zunächst diese Ihnen gegenüber abtragen. –

Nehmen Sie zuvor meinen herzlichsten Dank für den Kartengruß aus Rapallo und für den lieben Brief vom 3 dieses Monats aus Bordighera! Wie mögen Sie nur sich entschuldigen, dass Sie meinen Gruß zum 16 Februar so spät beantworteten! Ich wäre ganz || zufrieden gewesen mit dem Kartengruß und hätte wahrlich nicht erwartet, dass Sie mir einen Brief schreiben würden. Konnte ich doch sehr wohl ermessen, wie viele Glückwünsche Ihnen zugegangen sein würden und welche Last von Antworten Ihnen aufgebürdet sei! Nun, der nicht erwartete Brief hat mich und meine Frau so sehr erfreut und zugleich in ihrem Namen sage ich Ihnen von ganzem Herzen Dank! Die guten Nachrichten, die er uns brachte, haben uns sehr beglückt! Ich gratulire zu dem vollendeten Werke, dem ich mit großer Spannung entgegensehe! Wenn Sie täglich 10-12 Stunden arbeiten konnten, so ist das ein bestes Zeichen für ihre Frische und Arbeitskraft, das mich zuversichtlich hoffen läßt, daß Sie noch lange Jahre unseren unserer kleinen Universität dienen und zum Ruhme gereichen werden. Ich möchte nicht gern || einen Andern an Ihrer Stelle sehen!

Daß Sie den März ihrer Erholung widmen wollen, ist ein sehr löbliches Vorhaben; aber ich glaube nicht recht daran. Sie können eben gar nicht faullenzen, wie es zur wahren Erholung notwendig ist. Die Naturen sind eben darin verschieden; Ihnen macht die Arbeit nicht nur Vergnügen, sondern sie ist Ihnen dringendstes Bedürfnis, dessen Befriedigung eben auch Erholung ist. Glücklich der, bei dem dieses der Fall ist!

Daß Sie den Aufenthaltsort gewechselt haben, habe ich mit Freude begrüßt, namentlich nachdem ich von Professor Walther gehört habe, wie der Aufenthalt in Rapallo Ihnen durch die Bauleute verleidet wurde, die ein Riesenhotel vor ihren Augen aufführten, Ihnen die Aussicht nehmend. Ja, diese Bauleute! Keine Menschenklasse macht Einem so viel Ärger, || ob sie nun arbeiten, oder auf die Arbeit warten lassen. –

Sehr bedauerten wir, daß Ihre hochverehrte Frau Gemahlin auch in Rapallo an dem üblichen Katarrh leiden mußte. Wir wünschen von ganzem Herzen, daß Sie Beide sich jetzt und dauernd des besten Wohlseins in linden Lüften erfreuen.

Daß unser junges Ehepaar hier uns vor 8 Tagen mit einer gesunden Enkelin erfreut hat, werden Sie gehört haben. Auch über alle sonstigen Erlebnisse in Jena werden Sie unterrichtet sein. Einmal ging ein leises Frühlingswehen an uns vorüber, aber der alte Winter hat es wieder vertrieben. Wir sehnen uns sehr nach der Sonne, nach dem Frühling, der mir auch endlich Sie zurückbringt, den ich solange schmerzlich entbehrte. Ich verlange so sehr, in Ihr Auge zu sehen und Ihre Stimme zu hören. Möchten Sie recht erfrischt heimkehren; offene Arme breiten sich Ihnen entgegen. –

Meine Frau grüßt Sie herzlichst und bittet mit mir Ihrer lieben Frau Gemahlin unsere Grüße und besten Wünsche auszusprechen. Treu bis immer Ihr

Eggeling

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
13-03-1904
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 2642
ID
2642