Eggeling, Heinrich von

Heinrich von Eggeling an Ernst Haeckel, Jena, 13. Februar 1904

Jena 13 Februar 1904

Hochverehrter Herr Professor!

Lieber Freund!

Nicht „auf die Postille gebückt zur Seite des wärmenden Ofens“ sehe ich Sie beim Beginn ihres achten Jahrzehnts, sondern in frischer Kraft dem Meere seine Schätze entreißend und in unermüdlicher Tätigkeit sie verarbeitend, die Wissenschaft immer weiter fördernd. Und vom tiefsten Herzensgrund rufe ich Ihnen, zugleich im Namen meiner Sie so warm verehrenden Frau ein lautes „Glück auf“ zu und die innigsten Wünsche für die Zukunft. Möchten Sie uns noch lange, lange erhalten bleiben in der alten Frische und Schaffensfreudigkeit! |

Wie schade, daß wir heuer nicht, wie vor zehn Jahren Sie feiern und Ihnen unmittelbar sagen können, daß und wie sehr wir sie verehren und lieben! – Ich beneide die Italiener, die Sie feiern werden, und beneide vor Allem Professor Walther, der Sie persönlich begrüßen kann. Leider konnte ich ihn nicht vor seiner Abreise sehen, weil mich ein quälender Bronchialkatarrh an das Zimmer fesselte und mir unmöglich machte, den mir freundlichst zugedachten Besuch anzunehmen. Einen großen Sack voll Grüßen hatte ich ihm aber zuvor schon mitgegeben. Hoffentlich werden Sie den Tag fröhlich feiern und auch etwas sich der allgemeinen Teilnahme freuen, die Ihnen aus der Heimat und aus dem Vaterlande bezeugt werden wird. Von ganzem Herzen wünschten wir, daß Ihr und Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin Gesundheit die beste sei und keinerlei Mängel in dieser Beziehung || die Freude beim Eintritt in das neue Jahrzehnt störe. –

Freilich bringt der Eintritt in jedes neue Jahrzehnt des Lebens – namentlich im höheren Alter – einen wehmüthigen Beigeschmack mit sich. Wer aber auf ein so ungemein reiches Leben zurückblickt, wie Sie, theurer Freund, wer auf dem zurückgelegten Wege in unermüdlichem Schaffen so viel geleistet und so große Erfolge erzielt hat, dem muß in solchem Momente reinste Freude das Auge strahlen und das Herz höher schlagen lassen! Mit diesem Empfinden des Glückes wird sich, wie ich zuversichtlich hoffe und wünsche, auch das Gefühl der Lust und der Kraft zu weiterem Wirken und Schaffen verbinden. –

Als Vorboten des hohen Festtages, an dem so unendlich Viele teilnehmen, brachten die illustrirten Blätter Ihr Bild in z. T. sehr guten Abdrücken und heute brachte mir die Post aus Odenkirchen Ihr von einem treuen Schüler gezeichnetes Lebens-||bild. Vielen herzlichen Dank für diese in Ihrem Auftrage mir gesandte Gabe! –

Von Allem, was in Jena geschehen und nicht geschehen ist, wird Freund Walther Ihnen berichten. Am schmerzlichsten ist mir, daß unser Universitätsbau wieder um ein Jahr hinausgeschoben ist. Ich hatte so zuversichtlich gehofft, daß wir im Frühjahr den Bau beginnen würden. Indeß der zur Ausführung des Baus gewählte Künstler hatte einen so ganz unmöglich ausführbaren Entwurf geliefert, daß zunächst ein ganz neuer Entwurf ausgearbeitet werden mußte. So kann vor Frühjahr 1905 schwerlich begonnen werden.

Uns geht es weiter, wie sie es kennen. Meine Frau ist durch Asthma ganz an das Haus gefesselt und von der Geselligkeit ausgeschlossen; sonst geht es befriedigend. Mein Leben spielt sich in unglaublicher Gleichförmigkeit ab. An Gesellschaften nehme ich sehr selten teil und meine Zeit ist allein mit Arbeit und Lektüre ausgefüllt, ein ganz befriedigender Zustand. Bei unseren Kindern geht es überall sehr gut; unsere Schwiegertochter erwartet demnächst. Ein herzliches Lebewohl und viel herzliche Grüße Ihrer Frau Gemahlin ‒ von meiner Frau und mir.

Auf frohes Wiedersehen! Ihr treu ergebener

Eggeling

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
13-02-1904
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 2641
ID
2641