Gude, Karl

Karl Gude an Ernst Haeckel, [Magdeburg, ca. 1877]

Mein lieber Freund!

Herzlichen Dank für Deine freundliche Sendung, die ich mit großem Interesse gelesen habe. Beide Vorträge nehmen unter der „Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge“ eine hervorragende Stellung ein, sowohl nach Inhalt wie nach Form. Du hast mit einer bewundernswerthen Klarheit, Leichtigkeit und Deutlichkeit geschrieben und dabei dem Stoffe nichts vergeben, was man nicht von allen der bisher erschienenen Vorträge jener Sammlung sagen kann; ja einige sind geradezu ledern.

Die Darwin‘sche Theorie ist zwar noch mit vielen Fragezeichen versehen, allein ich glaube, sie wird sich || immer mehr Bahn brechen. Der armen Theologie geht man heut zu Tage von allen Seiten zu Leibe. Es geschieht ihr schon Recht, warum ist sie nicht fortgeschritten. Jedoch allen Respect vor der Tübinger Schule, die ja auch das Enstehen und Gewordensein, wenn auch nicht des Menschen, so doch des größten Produktes des menschlichen Geistes, der Bibel, zu erforschen sucht. Wenn man gegen die Orthodoxie zu Felde zieht, so ist das in Ordnung, nur muß man nicht gleichzeitig auch die Bibel an sich herabsetzen. Sie ist und bleibt nun einmal das Buch der Bücher, denn kein Buch hat eine so große weltgeschichtliche Bedeutung gehabt, als sie, keins wird es je wieder haben; keins enthält ferner so allseitig und so populär diejenigen religiösen Grundgedanken || und Empfindungen, die zum Glück und zum Frieden des Einzelnen, wie der Menschheit nothwendig sind. Du hast Dich von der nicht zu billigenden Polemik gegen die Bibel frei gehalten, und die Naturhistoriker thun dies im Ganzen mehr, als die sich freisinnig dünkenden Theologen, wie z. B. Uhlig, der an die Stelle des Alten, was dem Menschen lieb und theuer war u. ihm auch seinen sittlichen Halt gab (und das ist die Hauptsache) nichts als die Negation gesetzt hat, nichts als das subjective Belieben. Damit werden wir sicherlich nicht vorwärts kommen, wohl aber wird, im Namen der freien Selbstbestimmung die Willkür sanctionirt und die Cultur in Frage gestellt werden, wenn Uhligs Ansichten die blinde Masse ergreift.

Was nun meine Wenigkeit betrifft || so geht es mit meiner Gesundheit so! so! Die Ferien rücken heran und damit die Zeit des Wankens und Schwankens, des Prüfens und Wählens. Ich bin immer herzlich froh, wenn die Ferien vorüber sind, denn beim Schulehalten fühle ich mich immer noch am wohlsten; die Ferien bekommen mir gar nicht. Mein Arzt will, ich soll wieder Seeluft schlucken, weil mir dieselbe stets am besten bekommen ist. Und doch möchte ich gern einmal wieder etwas anderes sehen, als Misdroy. Ist es bei Schulschluß heiß, so krieche ich wohl in das nächste u. kühlste Harzthal, denn die Hitze erschöpft mich so, daß ich kaum drei Stunden auf der Eisenbahn aushalten kann. Ob ich nach Thüringen, also auch zu Dir komme? Das wissen die Götter. Doch die herzlichsten Grüße auch an Deine liebe Frau. Von ganzer Seele.

Dein

Gude

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
1877.??.??
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 262
ID
262