Eggeling, Heinrich von

Heinrich von Eggeling an Ernst Haeckel, Engelberg, 22. August 1895

Hotel Titlis 22/ VIII 95

Lieber Herr Professor!

Der Wunsch, Nachricht über Ihr Befinden zu erhalten, läßt mich die Faulheit überwinden, in welche ich wieder durch meine Brunnenkur und einen zweistündigen Frühspaziergang auf eine Alm versetzt bin. Ich bitte Sie herzlich, zugleich im Namen meiner Frau, welche Sie sehr vielmals grüßen läßt, mir mit wenigen Worten, wenn auch nur auf einer Postkarte Nachricht über die Fortschritte der Besserung zu geben. Von ganzem Herzen || wünschen wir, daß diese Fortschritte inzwischen recht erhebliche gewesen sind und daß sie nun wieder, wenn auch nicht springen, doch gehen und bald in eine angenehme Sommerfrische reisen können!

Aus den oben stehenden Bildern ersehen Sie, wo wir die unsere gefunden haben. Nach vergeblichen Versuchen, an dem so vogelschießenartig lebhaften unruhigen Vierwaldstätter See einen uns ganz genehmen Aufenthaltsort zu erkunden, waren wir nahe daran, uns wieder nach Tarasp zu wenden, als unser Wirth im Hotel du Lac zu Engelberg rieth, wo er und die Seinen wiederholt Erfrischung und Stärkung der Nerven gefunden haben. Wir bereuen nicht, dem Rathe gefolgt zu sein, sind entzückt von dem hiesigen Aufenthalte und glauben und hoffen hier die ersehnte Erfrischung zu finden. Die Mannigfaltigkeit der Spaziergänge ist ja freilich für Menschen || unsres Schlages nicht groß, sondern nur für bereits geübtere Bergsteiger. Aber auch uns bieten sich doch mancherlei Abwechslungen; von Tann nahezu eben im Thal auf und abwärts gehen, sonnig oder schattig, dann ina schönem Walde auch aufsteigen bis zu jeder beliebigen Höhe. Das Unterkommen und die Verpflegung im Hotel Titlis lassen nichts zu wünschen übrig. Es ist ja freilich eine große Kaserne, aber die Mitbewohner sieht man fast nur bei den beiden Hauptmahlzeiten; sonst verläuft sich Alles in der Umgebung und man merkt kaum etwas von der Unruhe, welche uns am Vierwaldstätter See überall entgegentrat. Wir trafen ein uns von früher bekanntes Ehepaar, das aber bereits abgereist ist; sonst haben wir Bekanntschaften noch nicht gemacht, suchen solche auch nicht. Ihr Leipziger College ist auch hier, aber in einer anderen Pension; so begegneten wir ihm bisher nur zweimal flüchtig; gestern || erwartete er auch seinen Schwiegersohn Carlowa, den Sie wohl auch in Jena gekannt haben? Da Leuckart Helmstedter ist, so haben wir manche Erinnerungen gemeinsam. Sonst ist er mir nicht sympathisch und meine Frau kann sein geziertes Wesen und seinen Wortschwall nun gar nicht recht vertragen.

Ich erhielt hier einen Brief von Verworn, der mir seine Verheirathung anzeigt. Es wird mir schwer werden, ihm zu antworten, da ich den Schritt für so überaus thöricht halte und fürchte, daß er zum Unglück führen wird. Ich will nur wünschen, dass Dr. Verworn nicht Hoffnungen auf eine Besoldung in Jena setzt!

Meine Frau bittet mit mir, daß Sie Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin unsere freundlichsten Grüße ausrichten wollen!

Mit den besten Wünschen für Ihr Wohlergehen

Ihr

treu ergebener

Eggeling

a korr. aus: im

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
22-08-1895
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 2615
ID
2615