Gude, Karl

Karl Gude an Ernst Haeckel, Magdeburg, 26. März 1876

Magdeburg, den 26 März 76.

Mein lieber Freund!

Endlich haben Verleger und Buchbinder es dahin gebracht, daß ich Dir die versprochenen 4 Bände meiner Erläuterungen zusenden kann. Seit von ober ein anderer Wind wehet, haben die Schriften einen rascheren Absatz gefunden, als früher, und die Lehrerwelt scheint mehr und mehr einzusehen, welche reichen Schätze für die Bildung in unserer Literatur stecken. Diese wird aber noch nicht so gewürdigt, als sie es verdient, sonst würde man in den höheren Töchterschulen sich mit einer fremden Sprache begnügen und die dadurch gewonnene Zeit lieber auf unsere Sprache und ihre Literatur verwenden. Wenn irgendwo a die Phrase herrscht, so ist es auf dem Ge-||biete der Pädagogik und der Schule. Von solchen Phrasen sind selbst unsere Abgeordnete nicht frei. Es ist doch mehr als kindlich, wenn sie glauben, daß die Schule insbesondere die Volksschule die sittlichen Schäden unserer Zeit heilen könne und soll. Als ob ein Mensch bis zum 14. Jahre, und wenn er noch länger die Schule besuchte, ein Character werden könnte. Mit dieser Phrase schieben sie die so nothwendige Correctur mancher Gesetze, wie z. B. die Gewerbefreiheit, von sich und überlassen Alles der Schule. Die Folgen werden sich zeigen, wenn es zu spät ist. Hätte ich Zeit, würde ich eine Broschüre schreiben: Die Phrase in der Pädagogik.

Vor einigen Tagen wurden hier die Darwinianer von Schweitzer gegeben und bei der Aufführung Dein Name genannt. Das Stück hat manche komische Scenen, aber nur einen respectabeln Anhänger des Darwinismus – den Professor. Die übrigen Personen || beuten die neue Lehre nur zu ihren selbstsüchtigen Zwecken aus. Auch der Sozialdemokrat tritt in dem „edlen“ Mädchen aus dem Volke noch gar sehr hervor. Als ich das Stück im vergangenen Jahre sah, wurde Dein Name nicht genannt. Diesmal war die Leipziger Truppe hier.

Dein Weihnachtsgeschenk ist noch immer auf der Wanderung. Es wird von einigen Collegen exzerpirt, um beim Unterricht davon Gebrauch zu machen. Dann will es ein Oberregierungs-Rath Schmidt haben, und so wird es vor Pfingsten nicht wieder in meine Hände kommen. Ich habe es dem naturwissenschaftl. Verein zur Anschaffung empfohlen. Der Verein hat, wie alle Vereine, kein rechtes Leben. Es ist dies auch ein Zug der Zeit. Ideale Regungen und Strebungen werden immer seltener. Hoffentlich treffen Dich meine Zeilen wohl an. Mit herzlichem Gruß Deiner ganzen Familie in alter Liebe

Dein

K. Gude.

a gestr.: noch

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
26-03-1876
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 261
ID
261