Eggeling, Heinrich von

Heinrich von Eggeling an Ernst Haeckel, Jena, 18. März 1893

Jena 18 März 1893

Hochverehrter Herr Professor!

Ihre fröhlichen Zeilen vom 14. dieses Monats haben mich so sehr erfreut, dass ich mir nicht versagen kann, Ihnen umgehend zu danken und Sie mit einem herzlichen Gruße aus der Heimat in Neapel zu empfangen.

Ich freue mich mit Ihnen, daß Sie den Zweck Ihrer Reise in so vollkommener Weise erreicht haben und reiche Schätze von derselben nach Jena mitbringen. Aber Sie scheinen nur auf Seethiere, nicht auch auf Marsala gejagt zu haben, was Sie mir einst versprachen; aber das kommt nun wohl jetzt bei der Reise durch Sicilien; möchten Sie nur auf derselben recht vom Wetter begünstigt sein! Wir haben – dens. Fall! – wieder Winter und ganz weiß || schauen die Berge mir wieder in’s Fenster, nachdem wir schon herrlichstes Frühlingswetter hatten, das oft zur Wanderung nach dem Forste verlockte. – Die Schneeglöckchen, Eranthis, Crocus, Scilla etc. blühen seit acht Tagen und liegen nun wieder unter der Schneedecke; es ist schmählich! Da sehnt man sich freilich hinaus und ich wollte, ich könnte mit Ihnen fischen und mich mit Ihnen der herrliche Natur dort erfreuen. –

Was soll ich Ihnen von Jena sonst melden? Wie der Polizeidiener in bewegter Zeit einst seinem Vorgesetzten auf die Frage, wie es in der Stadt aussähe, antwortete, „Die Stadt ist ruhig, nur die Menschen machen Spektakel“, so könnte ich in geringer Variation sagen „Die Stadt ist ruhig, nur der Senat macht Spektakel“. Die Fragen des Wahlprorectorates, der Besetzung der Lipsius-||schen Professur u. A. m. setzt die Mitglieder des senatus illustri noch immer in lebhafte Bewegung, so daß der letzteren Frage wegen sogar noch heute eine Senatssitzung stattgehabt haben soll – wohl ein seltener Fall am 18. März Senatssitzung! Ich habe den neuesten Bericht der theologischen Facultät , mit welcher sie andere Vorschläge für Wiederbesetzung des vakanten Lehrstuhles einreichen soll, noch nicht gesehen; nach dem aber, was p. Siegfried mir daraus mittheilte, enthält derselbe unmögliche Vorschläge. Gespannt bin ich darauf, was der Senat dazu gesagt hat; eine glückliche Beendigung dieser leidigen Angelegenheit vermag ich noch gar nicht zu entdecken. – Glatter ist die Wiederbesetzung der Kluge’schen und Litzmann’schen Professur gelungen. Professor Kaufmann, bisher Extraordinarius in Halle, wird die Professur für deutsche Sprache und die gesammte deutsche Literatur, Privatdozent Dr. Frey in Greifswald || das neu gegründete Extraordinariat für Englisch übernehmen, beide zum 1. April. Ob bis dahin auch die Wiederbesetzung der Wendt’schen Professur gelingen wird, ist noch zweifelhaft, da wegen der mit derselben verbundenen Stelle am Oberlandesgerichte sämmtliche bei diesem betheiligten Regierungen gehört werden müssen; indeß habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben. –

Auch zwei glückliche junge Paare sind in dieser Woche von Jena ausgegangen, Frl. Adele Schmidt mit ihrem Chilenen und Frl. Schnetger mit dem jüngsten Passow. Das Professor Ziehen Frl. Schön sich zur Lebensgefährtin erkoren hat, wird auch Sie gefreut haben. –

In Capri werden Sie, wenn Sie wünschen, in die dunkeln Augen der Frau Pr. Rosenthal blicken können, die mit Gatten und Sohn einen längeren Aufenthalt dort nehmen will, auch sonst wimmelt es in Italien von Jenensern. Begegnen sie Ihnen, so werden Sie mit Pylades sprechen:

Oh süße Stimmen! Viel willkommener Ton

der Muttersprach‘ in einem fremden Lande!?

a Uns geht es gut. Meine Frau und Tochter lassen sich Ihnen herzlich empfehlen und bitten mit mir, Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin unsere freundlichsten Grüße und die besten Wünsche für weiteren glücklichen Verlauf der Reise am Gestade der Euterpen und Sirenen auszusprechen. Treu ergeben Ihr

Eggeling

a weiter am Rand v. S. 1 u. 4

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
18-03-1893
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Neapel
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 2607
ID
2607