Gude, Karl

Karl Gude an Ernst Haeckel, Magdeburg, 24. Dezember 1875

Magdeburg, den 24 Debr. 75.

Mein lieber, alter Freund!

Mit inniger Rührung habe ich Dein liebes Geschenk in Empfang genommen. Es ist, wie jede Zeile Deines Briefes, ein beredtes Zeichen von einer Anhänglichkeit, wie sie, namentlich in unserer materiellen Zeit, so selten ist. Ich würdige die Sendung um so mehr, da ich Dir für die kurz voraufgegangene noch nicht einmal gedankt hatte, was erst in den Ferien geschehen sollte. Und nicht blos ich danke Dir dafür, sondern auch das Collegium unserer Schule hat im Herzen Dir bereits Dank gesagt. Es hat mit großem Interesse Deine Reise nach Brussa gelesen, und Deine Schöpfungs-||geschichte ist schon seit Jahren nicht in meine Hände zurückgekommen. Ich bin ordentlich stolz darauf. Du solltest Deine Reisen in einem Bändchen besonders herausgeben. Sie würde gewiß viel gekauft werden. Deine Besteigung des Pic habe ich, natürlich gekürzt, in die neue (26ste) Auflage meines Lesebuchs aufgenommen. Sie wird sicherlich in andere Lesebücher übergehen. Wäre das Lesebuch nicht stereotypirt, so könnte ich auch aus Deinem letzten Reiseberichte manches aufnehmen.

Es freuet mich, daß es Dir und den lieben Deinen wohlgeht, und daß Du wieder zum Wanderstabe greifen wirsta , wenn die Zeit der Wanderlust kommt. Ich muß leider in der Stube hocken bleiben, denn das Reisen bekommt mir gar nicht || mehr. Geistig fühle ich mich noch ziemlich frisch und wundere mich manchmal über mich selbst, daß ich noch so viel schaffen und wirken kann. Seit einem Jahre habe ich mit den neuen Ausgaben meiner „Erläuterungen deutscher Dichtungen“ zu thun gehabt. In etwa 14 Tagen wird der letzte Bogen fertig sein, und ich werde Dir dann die 4 Bände zuschicken. Du wirst zum Lesen derselben nicht kommen, Du hast keine Zeit dazu; aber ich denke, wenn Deine Kindlein noch weiter herangewachsen sind, und ich nicht mehr sein werde, dann giebst Du ihnen die Bücher zum Lesen, und sagst: Das ist von Onkel Gude. ||

Auf Wunsch meines Verlegers, der mit dem Absatz der „Erläuterungen“ sehr zufrieden ist, habe ich mich noch an einen 5ten Band gemacht, der die Besprechung der Dichtungen aus dem Mittelalter enthalten soll. Bleibe ich gesund, so gedenke ich bis zum Sommer mit der Arbeit fertig zu werden. Nun nochmals herzlichen Dank und ein gesundes, fröhliches Weihnachtsfest Dir und den lieben Deinen. Von ganzer Seele

Dein

K. Gude.

a gestr.: willst; eingefügt: wirst

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
24-12-1875
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 260
ID
260