Gude, Karl

Karl Gude an Ernst Haeckel, Magdeburg, 4. August 1872

Magdeburg, den 4 Aug. 72.

Mein lieber, alter Freund!

Aus den Ferien nach Magdeburg zurückgekehrt, finde ich zu meiner großen Freude Dein Opus als Geschenk in meiner Stube vor. Du hast die Zeit der Übersendung gut gewählt, denn ich empfinde die Oede und Leere meiner Stube nie so lebhaft, als wenn ich aus den Ferien von den Meinen in dieselbe zurückkehren muß. Ein Brief von Freundes Hand, gar ein Buch von einem mir theuren und lieben Menschen vermögen den schroffen Gegensatz einigermaßen zu mildern. Ich freue mich daher jedesmal, wenn ich dergleichen auf meinem Tische vorfinde, wohin denn auch stets der erste Blick gerichtet ist. Du kannst mit dem Erfolge Deiner Arbeit recht zufrieden sein, zumal das Werk sicherlich nicht billig ist und Bücher, die einige Thaler kosten, von den Deutschen || nicht gern gekauft werden. Entspräche sein Inhalt nicht dem Bedürfnisse der Zeit, es würde in den wenigen Jahren sicherlich nicht die dritte Auflage erlebt haben. Den orthodoxen Theologen wird es wohl ein Dorn im Auge sein, und Du hast, soweit ich mich orientiert habe, kein Blatt, wie man zu sagen pflegt, vor den Mund genommen. Dennoch, glaube ich, wird das Buch auch von heilsamer Wirkung auf die Orthodoxen sein, indem diese werden mehr und mehr erkennen lernen, daß sie den Schwerpunkt auf das Ethische legen müssen, wenn sie nicht allen Anhalt verlieren wollen. Mit ihren theologischen Streitfragen machen sie kein Glück mehr.

Was meine Gesundheit betrifft, so habe ich mich vor den Ferien wohler gefühlt, als nach denselben. Die tropische Hitze hat mir wieder einen Knax gegeben, von dem ich mich wohl noch Wochen werde erholen können. Vielen anderen Leuten geht es nicht besser. Ich || bin wieder bei den Meinen in Wernigerode gewesen. Der Aufenthalt daselbst bekommt mir am besten. Pfingsten versuchte ich einmal wieder, ob ich noch reisen könnte und faßte den heroischen Entschluß, einige Tage in Leipzig zuzubringen. Die Folge war, daß ich schlaflose Nächte hatte und früher einpackte, als ich wollte.

Du machst mir Aussicht auf baldiges Wiedersehen. Ich freue mich im Voraus darauf, möchte Dich aber bitten, wenn es irgend geht, länger als das letzte Mal in Magdeburg zu verweilen. Der Besuch war doch gar zu kurz.

Unsere Schule ist seit Ostern ein wahres Lazarett. Ich habe mich aufrecht erhalten, habe aber dafür auch tüchtig vertreten müssen, was indeß immer noch besser ist, als krank zu sein.

Mit herzlichem Dank und herzlichem Gruß

Dein

K. Gude.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
04-08-1872
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 259
ID
259