Möbius, Karl

Karl Möbius an Ernst Haeckel, Kiel, 27. Dezember 1875

Kiel, d. 27. Dec. 1875.

Verehrter Herr Kollege!

Empfangen Sie den wärmsten Dank für die Weihnachtsfreude, die Sie mir durch Ihr Prachtgeschenk, „Arabische Korallen“ bereitet haben. Ihre anschaulichen Schilderungen versetzen mich nach Cairo, nach Suez, auf das Rothe Meer und auf die Korallenriffe von Mauritius zurück, wo ich vor einem Jahre eine ungeahnte || Fülle neuer Eindrücke aufnahm. Jenseits des Mittelmeers tritt man in eine ganz neue Natur- und Menschenwelt ein. Als ich von Afrika nach Corfu kam, fühlte ich mich mit einem mal wieder auf heimischem Boden. Südeuropa steht unserm Norden viel näher, als Südeuropa der afrikanischen Welt.

Trotzdem Sie nur wenige Tage in Tur fischen konnten, haben Sie doch mit geschickter und glücklicher Hand intereßante neue Formen entdeckt. || Ihr Farbenbild der Gebirge hinter Tur ist demjenigen sehr ähnlich, was ich bei Suez sah, als ich aus dem Suezkanal ins Rothe Meer eingefahren war. Die Durchsichtigkeit der afrikanischen Luft läßt sich nicht beschreiben, durch ein Bild kann man denjenigen an sie erinnern, der sie kennt; wer sie nicht gesehen, dem ist auch durch ein Bild nicht zu helfen. Er wird immer meinen, die Farbena seien übertrieben.

Ich habe jetzt soviel Eozoonpräparate, daß ich hoffen darf, || jeden Zweifel über die Natur des Eozoon zu lösen. Auch die Schultzeschen Präparate sind in meinen Händen. Ich zeichne alle Stellen, die von Dawson, Carpenter u. A. als charakteristisch für die Eozonstruktur bezeichnet worden sind, um auf der breitesten Grundlage ein Urtheil fällen zu können.

Mit den herzlichsten Wünschen für das Jahr 76

Ihr dankbarer

K. Möbius.

a korr. aus: es

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
27-12-1875
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 25708
ID
25708