Gude, Karl

Karl Gude an Ernst Haeckel, Magdeburg, 4. August 1869

Magdeburg den 4 Aug. 69

Mein lieber Freund!

Erst jetzt komme ich dazu, Dir meinen herzlichen Dank für Deine liebe Sendung zu sagen, obschon ich sie gleich nach Empfang gelesen und auch bei den Collegen in Circulation gesetzt habe. Die Abhandlung hat mir viel Freude bereitet, da Du in derselben einen Ton angeschlagen hast, den ich selbst in früheren Arbeiten, wenn auch nicht mit einem so großen Geschick und mit einer so kenntnißreichen Umsicht, angeschlagen habe. Für das größere Publikum ist derselbe gewiß zu empfehlen. Hier und dort bist Du aber in den Folgerungen doch wohl etwas zu weit gegangen. So glaube ich nicht, daß man bei den niederen Thieren von Selbstbewußtsein reden kann, was an einer Stelle || einmal vorkommt. Es ist das kein Unglück, aber die Gegner pflegen solch einen Ausdruck aufzugreifen und daran sich anzuklammern.

Zu einer Reise nach Thüringen und zu einem Besuch bei Dir bin ich leider wieder nicht gekommen. Ich war vor den Ferien so herunter, daß ich den nahen Harz aufsuchen mußte. Dort habe ich bei meinem Schwager, der früher in der Hasenheide wohnte, zugebracht. Meine Nichten haben alles aufgeboten, mich ein wenig aufzukratzen; es ist dies ihnen auch öfter gelungen. Wenn das übrigens mit den Nerven nicht besser wird, so muß ich einmal einen ganzen Sommer hindurch pausiren. Du sagtest mir einmal, daß ein || längerer Aufenthalt auf einem Hochgebirge oder auf einer Hochebene der dünnen Luft wegen vortheilhaft auf mich einwirken würde. Ich glaube dies selbst. Es handelt sich nur um das Wo. Kannst Du viel Gereister mir einen Ort empfehlen? Für dieses Jahr ist es freilich zu spät; aber vielleicht erlebt man ja das folgende Jahr noch, und etwas muß ich dann durchaus unternehmen. Hier in Magdeburg wird es nicht anders.

Dein lieber Bruder Karl hat mir die Verlobung seiner Tochter von Wildbad aus angezeigt, worüber ich mich recht gefreut habe. Ich werde ihm in diesen Tagen antworten.

Wohin wirst Du Deinen Wanderstab lenken? Nochmals besten Dank und herzlichen Gruß an Deine liebe Frau. In alter Liebe

Dein

Gude.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
04-08-1869
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 255
ID
255