Gude, Karl

Karl Gude an Ernst Haeckel, Magdeburg, 3. Juli 1867

Magdeburg den 3. Juli 67

Mein lieber Freund!

Es ist von mir unverantwortlich, daß ich Dir nicht längst geschrieben habe. An dem so genannten guten Willen hat es nicht gefehlt, aber was kann der gute Wille helfen, wenn er nicht zur That kommt. Ich hatte mir sogar vorgenommen, in den Pfingstferien, Dich auf einige Tage zu besuchen; als aber die Zeit der Reise heranrückte, da überfiel mich wieder das Grauen, welches ich seit einigen Jahren empfinde, wenn ich reisen und mich aus dem gewohnten Gleise herausbewegen soll, und ich blieb ruhig in dem alten Magdeburg hocken. Mit Schrecken denke ich jetzt schon an den Tag, an welchem die Schule für die Sommerferien ge-||schlossen wird. Andere freuen sich darauf, ich nicht. Hier bleiben soll ich nicht; mein Arzt will mich in ein Seebad schicken, und doch habe ich nicht die geringste Lust dazu, obschon ich einsehe, daß es nothwendig ist, und daß man sich selbst der schlechteste Gesellschafter, den es auf Gottes Erdboden giebt, a bleibt. Hole der Teufel das Junggesellenthum! Ich lerne es mit jedem Tage gründlicher verachten, und rede daher jedem zu, sich zu verheirathen, obschon ich selbst mich dazu nicht mehr entschließen kann, denn ich käme ja dann aus dem gewohnten Gleise. Daß ich mich aus ganzen, vollen Herzen freue, daß Du Dich wieder verlobt hast, mögen Dir die eben angeführten Jämmerlichkeiten meines Lebens, die sich leider noch vermehren könnten, sagen. || Du wärst ohne diesen Schritt zu Grunde gegangen. Diese Furcht hat mich beschlichen, als ich im vergangenen Winter Deine Morphologie las. Herr Gott! was steckt darin für eine Arbeit. Und in wie kurzer Zeit hast Du dieselbe geschaffen. Jetzt habe ich die Beruhigung, daß Du nicht wieder auf eine so unsinnige Weise arbeiten wirst; b Deine Braut wird Dich davon schon abzuhalten wissen, und auch deshalb freue ich mich über Deine Verlobung und bitte Dich, Deiner lieben Braut auch einmal in meinem Namen recht warm die Hand zu drücken. So großen Respect mir nun auch Deine Arbeit eingeflößt hat, so ist sie mir doch zu gelehrt gewesen. Ich habe sie der Commission für unsere städtische Lehrerbibliothek empfohlen; vielleicht ist unter den studirten Herrn Jemand, der || sich in dieselbe hineinarbeiten kann.

Deinen Reisebericht habe ich mit dem größten Vergnügen gelesen und bedauert, daß er nicht länger war. Du solltest ein eigenes Buch darüber schreiben, hast ganz das Talent dazu; natürlich müßten die gelehrten Untersuchungen aus demselben fortbleiben. Den „Müller“ hättest Du ruhig behalten sollen; ich gebrauche ihn nicht mehr. Er steht Dir daher zu jeder Zeit zur Verfügung. Ich habe auch noch einige Bücher von Dir, die ich Dir nächstens zuschicken werde.

Das Geschick Deines armen Bruders hat mich erschüttert. Es ist ein harter Schlag für ihn. Wenn man nur älter wird, so bleiben auch die Schicksalsschläge nicht aus. Wie wird sich Deine gute Mutter sorgen. Grüße doch Deine lieben Eltern ja recht herzlich von mir, und sage Ihnen, daß die Stunden, die ich in ihrem Hause genossen || habe, bis an mein Lebensende mir unvergeßlich sein würden. Ach! wie war doch das Alles damals so schön!

Heute hat Magdeburg geflagget. In allen Straßen, von allen Häusern herab wehen die Fahnen, vom Winde lustig bewegt. Wir sind seit einem Jahre doch einen guten Schritt vorwärts gekommen. Auf einem andern Wege als auf dem der Gewalt wäre Deutschland nimmer der Einigung zu geschritten. Gewalt und Noth! Der alte Wieck sagte schon immer: „Deutschland muß erobert werden“ und er hat recht gehabt. Blut und Eisen – es ist dasselbe Wort, nur anders ausgedrückt. Ich kann Waldeck und Virchow nicht begreifen. Es sind ehrliche Leute, aber Politiker sind sie wahrlich nicht. Was kann mir die Theorie helfen, wenn || ich damit keine Erfolge erringen kann. Eine abstracte Consequenz findet sich nicht einmal in der Natur; in der Politik kann man sie gar nicht gebrauchen. Nicht wahr!, die Natur modificirt ihre Bildungen auch nach den jeweiligen Umständen, nach Bodenbeschaffenheit, Klima etc. und würde es bei einer abstracten Consequenz oft zu nichts bringen. In der Politik führt dieselbe schließlich zur Borniertheit. Wenn wir nur erst den Franzosen den Mund gestopft hätten, eher kommt keine Ruhe wieder in Europa. Es wird wahrscheinlich nicht lange währen, dann heißt es: Der Prager Frieden ist gebrochen – und da wird sich’s entscheiden. Ich hoffe, Deutschland geht siegreich aus dem Kampfe hervor. – Von ganzer Seele und mit den besten Grüßen an Deine liebe Braut

Dein

Gude.

a gestr.: ist; b gestr.: und

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
03-07-1867
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 254
ID
254