Merkel, Otto

Otto Merkel an Ernst Haeckel, Bernburg, 21. Oktober 1872

Bernburg am 21. Oct. 1872.

Lieber Freund!

Vor etwa 8 Tagen habe ich, wie es mir scheint etwas Bemerkenswerthes gefunden nämlich auf einer Sandsteinplatte eine sehr große Menge Rippen und dabei mehrere zusammenhängende Rücken- resp. Schwanzwirbel eines vorweltlichen Thieres, es scheinen auch noch andere Theile dabei zu sein. Rippen von derselben Form & Größe habe ich bereits öfter gefunden, aber ganz einzeln.

Beifolgend erhälst Du eine Photographie des fraglichen Steins in circa 1/3 nat. Größe, der genaue Maaßstab befindet sich darauf. Schon früher schrieb ich von einer eigenthümlichen Hautbildung an gefundenen Saurierschädeln und sende ich eine Probe davo

n mit.

Zu der Platte, welche ich in Photographie sende gehören noch mehrere Stücke, welche noch Rippen, und das eine wohl auch noch Rückenwirbel enthält.

Unser Geschäft hat sich bisher zur Zufriedenheit entwickelt und würde es noch mehr thun,, wenn die Arbeiterverhältnisse hier und in Berlin || nicht so sehr ungünstig wären. Der hohe Lohn ist dabei nicht einmal die Hauptsache, sondern, daß man den Arbeitern gegenüber völlig machtlos ist, und daß Alles was in letzter Zeit geschehen ist, um die Verhältnisse zu bessern nur das Gegentheil bewirkt hat. Der Arbeitgeber muß zum Beispiel das Kündigungsrecht inne halten der Arbeiter kehrt sich nie daran & bleibt einfach weg, wenn es ihm beliebt. Ist ein Arbeiter im Noth so borgt man ihm, aber kaum von 10 Fällen zahlt er 1mal zurück, weil auf sein Lohn kein Beschlag gelegt werden kann. Der Arbeitgeber ist durch Contract an Zeit und die Einzelpreise gebunden, während dies vom Arbeiter nie verlangt werden kann. Im Gegentheil je mehr die Arbeit drängt, um so mehr drängt der Arbeiter den Lohn in die Höhe. Prof. Lohmoller in Halle sollte nur ein halbes Jahr lang in unseren Unannehmlichkeiten stecken dann würde er anders reden. Wenn es so fort geht muß die Mittelklasse ganz ruinirt werden.

Mit meiner und Ernsts Gesundheit geht es nicht zum Besten. Ernst hat seinen kranken Hals noch und ist immer noch heiser. Nachdem es mir mehrere Jahre recht gut gegangen war, habe ich seit vorigen Winter wieder Lungenkartarrh. Ich war im Sommer 5 Wochen in Lippspringe wonach es besser || wurde, ganz ist es jedoch noch nicht weg & muß ich sehr vorsichtig sein. Ernst ist auch brustleidend und hatte erst vor Kurzem eine sehr starke Brustfellentzündung.

Doch wir wollen noch das Beste hoffen.

Ernst hat Dir seine Verheirathung wohl angezeigt, a er ist gleich nach der Hochzeit, Ende Juli, nach Baden gegangen. Er hatte Prof. Waldenburg um Rath gefragt & dieser ihm erlaubt zu heirathen.

Hoffentlich befindest Du Dich nebst Famlie wohl was ich von Herzen wünsche. Die Meinigen, sowie der Mutter geht es auch gut. Carl hat eine Stelle in einer chemischen Fabrik in Staßfurt

Mit freundlichem Gruße

Dein

O. Merkel

Die kleineren Wirbel und Gräten scheinen von einem andern Thiere her zu rühren, vielleicht hatte der größere dasselbe gefressen.b

a gestr.: &; b Text weiter auf der linken Seite von Seite 1, quer zur Schreibrichtung: Die kleineren … gefressen.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
21-10-1872
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 25252
ID
25252