Mulder, Lodewijk

Lodewyk Mulder an Ernst Haeckel, Breda, 10. Juni 1858

Mein lieber Ernst!

Bis fünf und neunzig Grad Hitze! Da ist es wahrhaftig Mordbegier, daß man von einem verlangen soll, daß er einem einen Brief schreibe. Nach diesen Vorraussetzungen kommen zwei Schlüsse

1stens, daß dieser Brief sehr kurz sein wird, und

2tens, daß Du, wenn’s in Berlin eben so abscheulich heiß ist nur wenigen Zeile zu antworten brauchst. – Aber die sollen dann auch gut sein, oder vielmehr sind.

Ich habe Dir nämlich eine Bitte zu thun, die Du nicht abschlagen darfst. – Erinnerst Du Dich unsre Reise im Thüringer Walde vor neun Jahren? Nun, diese wollen wir in derfolgenden Monat wiederholen. Ungefähr mitten Juli, (den Tag später zu bestimmen) gehen wir – Gonne und ich – von hier aus mit der Eisenbahn über Luttich, Coeln, Hamm, Cassel, Eisenach, usw. bis Neudietendorf. || Hier – um mit unserm Freunde Edwin Müller zu reden – verlassen wir bald nach unserer Ankunft den Bahnhof; wir wenden uns rechts vom Restorationsgebäude und überschreiten die Bahn wo eine aufgestellte Tafel uns mit dem Namen des nächsten Dorfes, Apfelstädt, bekannt macht. Ins freie gekommen halten wir mehr links und gelangen so bald auf einen Fahrweg u.s.w. Kurz wir trinken noch einmal Lichtenhainer Bier, halten am Trippstein die Augen links um auf einmal die ganze Aussicht ins Häuschen zu genießen; besuchen die hübsche Mädchen in Ruhla und den alten, biederen Jägersmann auf die Schmücke – wie hieß er auch? Joël oder Juel – hören die Aeolsharfe in Altenstein und bewundern den Dintenkleks auf der Wartburg, der nicht mehr da ist – Zeichnen auch noch einmal Paulinzelle usw. etc.

Um nun aber die wahre Freude der Reise zu vervollkommenen (ist das Deutsch?) bist Du am näher || zu bestimmenden Tage in Neudietendorf mit gepackten Ranzen und „Edwin Muller in der Brusttasche“ in der Brusttasche.

In 14 Tage wie Du weißt sind wir ausgegangen und zurückgekommen. Da werden wir die ganze Reise hinüber entsetzlich viel zu plaudern und zu besprechen haben, und wenn Du es nicht thust, bin ich nicht mehr, wie bis jetzt

Dein treuer Freund

L. Mulder

Ich habe in der vorigen Woche nach Bonn geschrieben, und Hedwig oder Auta eingeladen, diese Tour mit uns zu machen; habe aber noch keinen Antwort bekommen. Wenn Du mir antwortest so schreibe mir auch wie es Deinen lieben Eltern und Geschwister und der Tante Bertha, und allen andern geht.

Gonne grüßt Euch allen mit mir herzlich. Auf baldigen Wiedersehn!

Mu

Ich weiß Deine Adresse nicht; schicke also diesen Brief an Bertha’s Adresse. Sage ihr, daß wir nächstens schreiben werden Nun geht’s in der Eile und in der Hitze. – 95 Grad!!! –a

Schicke mir Deine Adresse. – Geht Carl vielleicht auch mit?b

a Text weiter auf dem linken Seitenrand: Ich weiß … 95 Grad!!! –; b Text weiter auf dem linken Rand von S. 2: Schicke mir … auch mit?

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
10-06-1858
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 24688
ID
24688