Delle Grazie, Marie Eugenie

Marie Eugenie delle Grazie an Ernst Haeckel, Wien, 25. Mai 1900

Wien, 25. Mai 1900.

Hochverehrter Meister!

Was mögen Sie schon von mir denken, und dieser scheinbaren Schreibfaulheit, die nur mehr zum Danken kommt! Und doch – und ich glaub’ es kaum sagen zu müssen – doch sind Sie einer der wenigen Menschen, an die ich täglich denke, in Andacht, Verehrung und Treue. Vielleicht er-||scheint mir gerade deshalb das Schreiben so überflüssig; denn in Gedanken führ’ ich lange Gespräche mit Ihnen, und von Ihnen wird sicher jede Woche ein paar mal gesprochen! Und ich denk’ immer, Sie müssten das fühlen; zum mindesten deshalb, weil Ihnen das ebenso natürlich als selbstverständlich erscheinen muss. Freund Müllner – Carneri – und ich … Sie wissen schon, dass das ein Kleeblatt ist, das Ihnen ewig grünt!

Anfangs April – (nicht Februar, wie Sie mir angezeigt –) erhielt ich die neue Folge || der „Kunstformen“, die mich wieder entzückt und erfrischt haben bis in die Seele hinein! Mit welcher Liebe ist da jedes, auch das kleinste Detail, beobachtet und wiedergegeben, mit welch’ nachfühlender Andacht für die Schönheit und Zweckmäßigkeit jeder Linie an diesen kleinen entzückenden Kunstwerken der herrlichen Schöpferin! Den bildenden Künstlern bieten Sie eine unermessliche Fülle von Anregungen – die Phantasie der Dichter beschenken und befruchten Sie mit Träumen, die || nun auch die blauen Wogen des Oceans über sich zusammenschlagen fühlen, weich und geheimnisvoll, unda wie sie die Träger des ersten Lebens waren, nur das Herrliche, das sie aus sich herausgeboren – den Menschen u. seine Gedanken und Phantasie, wieder mit leisen, heimlichen Wundern in die alten Muttergründe des Daseins zurücklocken! Mir geht diesbezüglich allerhand durch den Sinn; wird’s ein Buch, so soll es Ihnen gehören!

Für den 27. Oktober d. J. ist die Première meines || socialen Dramas „Schlagende Wetter“ festgesetzt. Director und Schauspieler erhoffen für das Stück, das in Folge des großen Kohlenstreikes von der Censur lange nicht freigegeben wurde – einen großen, durchschlagenden Erfolg. Im Winter bringt dann das Burgtheater meinen „Schatten“. Unterdess hab’ ich zwei neue Dramen vollendet. Am fünften – einer Comödie – arbeit’ ich soeben. Die wenige Zeit, die mir diese Arbeit lässt, verwend’ ich zur Lectüre Ihrer Biographie von Bölsche, || für die ich Ihnen, hochverehrter Meister, meinen ganz besonderen Dank sagen möchte! Das ist eine[!] geradezu prächtiges Buch, das Ihrer geistigen u. menschlichen Persönlichkeit u. Bedeutung so gerecht wird, und so congenial nachempfunden ist, dass Sie und Ihre Gemeinde eine helle Freude dran haben können! Und ich denke: Die Empfindung, gerade von der modernen Jugend und ihren besten Kräften so verstanden und getragen zu werden – die musste || Sie stolz und froh und glücklich machen, denn das ist erst die rechte Unsterblichkeit, das sind die Führer der Armee, die Ihren Namen in die Jahrhunderte tragen werden! Da können Sie, meiner Meinung nach, ruhig und lächelnd in dem Gezänke stehen, das Neid und Bosheit u. Dummheit um Ihre Gestalt, die eben allzuhoch ragt, als dass sie das deutsche Philisterium u. die römische Kirche vertragen könnten, erheben –. Nein, wie Viel || hab’ ich da doch wieder geschrieben – fast erschreck’ ich selbst! So vor mich hingeplauscht – als wären wir eben auf dem Rückweg von der „Kanzel“ im Aigener Park! Verzeihen Sie diesen Raub an Ihrer Zeit!

Es grüßt Sie, in steter Verehrung,

Ihre

dankbar ergebene

M. E. delle Grazie.

a eingef.: und

 

Letter metadata

Empfänger
Datierung
25.05.1900
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 24
ID
24