Osterwald, Wilhelm

Wilhelm Osterwald an Ernst Haeckel, Mühlhausen, 29. Oktober 1866

Mühlhausen i. Th. 29/10 66.

Lieber Freund,

Verzeih, daß ich Dir nicht schon längst geschrieben u. mein Programm geschickt habe – die unerhörten Ereignisse des vergangenen Sommers, von denen ein Theil uns unmittelbar hier berührt hat, haben den längst gehegten Vorsatz immer nicht zur Ausführung kommen lassen, und auch jetzt ist‘s nur eine äußere Veranlassung die mir ein flüchtiges Liebeszeichen für Dich ablockt. Der Überbringer dieses Ernst Stephan hat Michael hier das Abiturexamen bestanden u. will in Jena Philologie studieren, er wird noch manche Lücken auszufüllen haben und ich wünsche, daß Du ihm mit Empfehlungen an die rechten Professoren behülflich bist und will ich ihn als meinen Schüler Dir empfohlen haben. – Mein Programm wird Dir in Philoktet alte freundliche Erinnerungen an Merseburg auffrischen, die Antrittsrede und meine Königsgeburtstagsrede, die ich extra beilege, lies mit alter Nachsicht. Übrigens darf ich versichern, daß ich mein Lehrer- und Directorenprogramm, das ich in der Antrittsrede gegeben habe, bis jetzt ziemlich strict habe durchführen können und in summa mich hier wohl glücklich fühlen kann, wenngleich in externis et socialibus Manches zu wünschen und Eisenbahn schmerzlich vermißt wird.

Meiner Familie geht’s im Ganzen auch gut. Karl, mein Ältester (13 J.) Tertianer schwärmt noch immer dafür Naturwissenschaften zu studieren ist aber dabei im Lat. u. Griech. auch brav fleißig, und ich reize ihn am liebsten mit der Aussicht, einmal unter Deinen Auspicien studieren zu können.

Verzeih diesen kurzen Brief der nächste soll länger werden als dieser in angustiis geschriebene. Du machtest mir vor einem Jahre Hoffnung auf Deine Schrift über die Darwinsche Theorie, ist sie inzwischen erschienen? ||

Deine lieben Eltern leben doch noch in Berlin? Welche Freude muß es für Deinen Vater gewesen sein, diesen Sommer noch zu erleben, in dem Preußen in dem Darwinschen Kampf ums Dasein seine Lebenskraft und Vergrößerungs- u. hoffentlich auch Verbeßerungsfähigkeit mächtig bewiesen hat.

Mit herzlichen Grüßen von Frau und Kindern

treuanhänglicher

W. Osterwald.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
29-10-1866
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 23802
ID
23802