Hein, Reinhold

Reinhold Hein an Ernst Haeckel, Danzig, 16. Juni 1882

d. 16ten Juni 1882.

Alter Freund!

Ich weiß es nicht, wie viele Jahre verstrichen sind, seit wir mit einander correspondirt haben; Du kannst Dir daher denken, wie freudig ich überrascht war durch Deine Karte aus Ceylon und durch die Uebersendung Deiner Reisebriefe aus der Rundschau. Auch meine Familie nahm herzlichen Antheil an Deinen interessanten Schilderungen, die ich mir erlaubt habe, in einem größeren, unter meiner Leitung stehenden Bildungs-Vereine einem größeren Zuhörerkreise vorzulesen, zumal Du demselben durchaus nicht mehr fremd warest. Wenn ich nicht sogleich mich für Dein freundliches Gedenken bedankt habe, so erklärt sich diese Verzögerung dadurch, daß ich erst Deine glückliche Heimkehr abwartete. – ||

Nun forderst Du mich aber auf, mit Dir in Würzburg zusammen zu treffen, und da ist es hohe Zeit, daß ich endlich reagire. Natürlich habe ich große Lust, nach Würzburg zu gehen, hatte auch vor längerer Zeit den Plan einer Erholungsreise für diesen Herbst erwogen, kann mich aber aus verschiedenen Gründen nicht zum Reisen entschließen. Der Hauptgrund ist der, daß ich mich nicht von meinem einzigen Sohne trennen mag, den ich voraussichtlich nur noch bis zum nächsten April im Hause haben werde. Er ist eben 17 Jahre geworden und wird hoffentlich das Gymnasium dann absolviren, bisher ohne zu wissen, was er werden will. Zu Naturwissenschaften, außer Physik, hat er keine Neigung, auch nicht zur Medizin und Theologie; andere Fakultäten sind ihm natürlich noch fremd. Dagegen interessirt ihn Kunstgeschichte und Bauwesen, neben alten Sprachen und Musik, die er als Cellist eifrig treibt. || Ist er erst einmal fort, dann ist mein natürlicher Einfluß sehr gering und, wie du weißt, er nur Gast im Vaterhause. Ich freue mich, daß er viel begabter ist, als ich, und bisher ein lieber, ordentlicher, lustiger Junge; so will ich auch Alles thun, ihn auf dem alten Wege zu erhalten. Daher also keine längere Reise! Für einen kurzen Ausflug ist aber Würzburg etwas weit, und kann ich es noch nicht übersehen, ob nicht dringende Berufsgeschäfte und der Mangel an guten Vertretern mich fesseln werden.

Also mit Sicherheit sage ich nicht ab. – Was aber unser Beisammensein dort betrifft, so fürchte ich, wir würden einander nicht viel haben, da Du als berühmter Mann von einer Sippe Verehrer umschwärmt sein wirst, die den simplen Doktor aus Danzig bald in den Hintergrund schieben oder à la Bismark „an die Wand drücken“. Daher schreibe ich Dir, daß ich Dir allerdings als alter Freund, der stets offen und treu zu Dir war, Mancherlei zu sagen hätte, das sich im Briefe schwieriger, als in freundschaftlichem Gespräche vorbringen läßt, aber, wenn man || auf gegenseitiges Vertrauen und guten Willen rechnen kann, auch schriftlich zu besprechen ist. Es wäre nämlich mein großer Wunsch, wenn dieses Würzburger Jubiläum zu einer Annäherung, resp. Versöhnung zwischen Dir und Virchow führen könnte, nachdem ihr euch Jahrelang feindlich gegenüber gestanden habt; denn ich kann es nicht begreifen, wie zwei solche Ehrenmänner bei gleichem wissenschaftlichem Streben, sich so verfeinden können. Nun sage ich Dir – als treuer Freund – ganz aufrichtig, daß – nach dem was ich über die Verhältnisse in München und Paris gelesen und gehört – Du der schuldigere Theil im Streite bist, ohne zu verkennen, daß Virchow’s sarkastische Manier und sein Gelehrtenstolz Dich alten Brausekopf gereizt haben mögen. Du bist noch immer der alte, excentrische Schwärmer, wie ehemals, der mit dem Kopf durch die Wand geht und nicht andere Ueberzeugungen gelten lassen mag. Sonst hättest Du auch nicht Dich in solche bissige Schreibweise hineingewöhnt, wie z. B. in der Arbeit über die Gregarinen gegen Hiss. ||

Viele, die Deine Schriften lesen, können sich, wenn sie Dich nicht kennen, garnicht vorstellen, daß Du so ein gemüthlicher und gutmüthiger Kerl bist. Nun meine ich, daß Du Dir in keiner Weise etwas vergeben kannst, wenn Du, zumal als der Jüngere und einstige Schüler Virchow’s, den ersten Schritt, wenn auch nicht zu einer Versöhnung, so doch zur Betohnung eines der Gelehrten würdigen modus vivendi thun würdest, und willst Du dazu meine Vermittlung benutzen, so bin ich stets bereit. Das wäre ein schönes Resultat der Würzburger Feier, bei der ihr doch vermuthlich euch begegnen, ja nahe berühren müßt. Da hast Du nun eine gehörige Philippica! aber heraus muß ich mit meiner Ansicht, wenn ich Dir ja als alter Freund unter die Augen treten soll! Es hat mich Dein Verhältniß zu manchen Gelehrten auch schon zu lange bewegt und ich habe mich geärgert über manchen Klatsch, den ich dabei erfahren, so über das Cliché von den verschiedenen Embryonen und dergl., was Dir ja auch wird zu Ohren gekommen sein. ||

Ich stehe noch, wie vor 30 Jahren, auf dem Grundsatze, daß ich in erster Linie den Menschen in seinem reinen Charakter achte und dann erst hinterher seine Wissenschaft oder Kunst; und das präge ich auch meinem Jungen ein. Virchow steht nun mir nicht nur als Gelehrter, sondern auch als reiner Charakter hoch und verehrungswürdig nahe, und um so schmerzlicher wäre es mir, wenn Du mit ihm zerfallen bliebest. Ich war auf Virchow’s spezielle Einladung am 30st. October a. p. in Berlin zu der intimen Feier seines Jubiläums im Kaiserhof, die seine früheren Assistenten veranstaltet haben, und habe mich über ihn gefreut, über seine freundschaftliche, treue Art und seine Frische nach der kaukasischen Reise.

Ueber Dich habe mit ihm absichtlich nicht gesprochen, dagegen brachte ich Hiss im Gespräch auf eure Verhältnisse und freute mich über sein mildes Urtheil, das in keiner Weise Dich angreift. Auch Braune war da sowie Recklinghausen, Rindfleisch u. A., die mich nach Würzburg einluden. –

Sed haec hactenus! ||

Daß ich meinen Aufenthalt in Berlin nicht unbenutzt ließ, unsere alte Freundin Lachmann zu besuchen, kannst Du Dir wohl denken. Ich freute mich an ihrem Lebensmuth u. an der Freude, die sie an ihren Töchtern hat. Die älteste Marie ist in London verheirathet u. die zweite, Bertha Braut eines Referendar Droste. Zwar scheint sie nicht sorgenfrei zu leben, aber doch ihre Existenz zu haben. – Von unsern alten Freunden bin ich in intimster Verbindung mit Schuler geblieben, dem ich im Mai zu seiner Silberhochzeit gratulierte. Er ist ganz der Alte, hat eine sehr selbstständige Stellung und arbeitet nur in Hygieine. Die Praxis hat er schon seit 7 Jahren niedergelegt. Wir trafen uns auf einige Wochen im Sommer 1880 in Kopenhagen. Leider ist seine Frau zu schwach u. asthmatisch um wieder nach dem Norden reisen zu können. Bei dieser Kopenhagener Reise besuchten wir auch wieder die lieben Passow’s in Rostock. Meine älteste Tochter hatte ich dorthin mitgenommen und brachte sie zu einer befreundeten Familie nach Holstein für einige Monate. Meine Else wird nächstens 20 Jahre und ist ein frisches Mädel, das mir namentlich durch musikalisches || Talent viele Freude macht, während sie meiner lieben Frau eine große Stütze in dem etwas grossen und durch viel geselliges Treiben belebten Haushalte ist. Außerdem habe ich nur noch meine 6½ jährige Adelheid, den kleinen Liebling des ganzen Hauses. Ich selbst halte in meiner schweren Arbeit noch aus, und habe meistens noch mehr zu thun, als ich überwältigen kann, so daß ich immer jüngere Kollegen zur Hülfe haben muß.

Sorgen brauche ich mir nicht zu machen, zumal seit am 1st. April 80 mein armer Günther seinen fünfjährigen Leiden erlegen ist; aber meine Freuden an der lieben Familie sind, wie Du siehst, auch reichlich mit Dornen gemischt gewesen. –

Theile mir doch auch einmal etwas über Deine Familie mit. –

Vor Allem entschuldige die Länge der Epistel und erfreue mich recht bald mit einer recht aufrichtigen Erwiderung!

Deiner Gattin bitte ich unbekannterweise einen Gruß zu bestellen von Deinem alten Freunde

Reinold Hein

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
16-06-1882
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 23519
ID
23519