Hein, Reinhold

Reinhold Hein an Ernst Haeckel, Danzig, 19. Dezember 1875

Danzig d. 19ten December 75.

Lieber Freund!

Ich habe Dir noch meinen herzlichen Dank abzustatten für Uebersendung Deiner neuesten Streitschrift „Ziele u. Wege etc.“, die mich natürlich sehr interessirt hat, und die mir zeigt, daß Du Deine Waffen muthig und gegen die Großen der Welt schwingst, wie in diesem Falle gegen Agassiz, den Du gründlich lächerlich gemacht hast. Allerdings ist für Dich ein Umstand bei der Polemik gegen ihn unangenehm, nämlich daß Agassiz todt ist und sich nicht vertheidigen kann; das werden Dir Deine Feinde anstreichen und ich gestehe offen, daß Du diesen Umstand vielleicht ritterlicherweise hättest berücksichtigen können. Den Lebenden ist schon Recht geschehen, namentlich auch dem gelehrten Waldeyer, den Kritiker, || der gewiß die „Werke“ garnicht gelesen haben mag. Mit unserm alten, fromm gewordenen, Freunde Hiss stehest Du ja schon lange Zeit seit der Gastraeatheorie in offenem Kampfe; er war ja immer fleißig, aber etwas beschränkt und zu eitel, um nach besserer Einsicht nachzugeben. Daraus erklären sich auch die schönen Redensarten über Darwin. – Die Episode mit Michelis rechne ich nur zum Spaßhaften, aber obwohl ich ja Deinen Spezialstudieen auch nur als Laie theilnehmend gegenüberstehe und mir kein begründetes Urtheil erlauben darf, so wirst Du es mir doch nicht übelnehmen, wenn ich Dich darauf aufmerksam mache, daß ich in Deiner Streitschrift das Eingehen auf einen Philosophen vermißt habe, der sich neuerdings mit Dir || ausführlich beschäftigt hat, und den Du doch nicht todtschweigen wirst, nämlich E. von Hartmann, den alten Schopenhauerianer, der die Philosophie des Unbewußten geschrieben. Vielleicht ist Dir die Arbeit erst später in die Hand gekommen (sie steht in Jul. Rodenberg’s Deutscher Rundschau), und wirst Du sie später besprechen, jedoch wollte ich Dich darauf aufmerksam machen. E. v. H. spricht mit großer Hochachtung von Deinen Bestrebungen, wirft ihnen aber das Unfertige vor und erwärmt sich für teleologische Prinzipieen. Ich werde mich freuen, hierüber Näheres von Dir gelegentlich zu erfahren. – Deine Broschüre begleitest Du mit einem Aufrufe der Wittwe u. Schwägerin Bleek’s, des alten Kaffernfreundes, der meiner Erinnerung nach mit Dir mütterlicherseits verwandt war. ||

Zwar wird mein Beutel durch viele näher liegende Dinge in Anspruch genommen, zumal in der Weihnachtszeit, jedoch will ich Dir nächstens pr. Post-Einzahlung einen bescheidenen Beitrag senden, über den ich aber nicht mit Namensnennung sondern anonym zu quittiren bitte, wenn es sein muß als R. H. Danzig. –

Nun laß mich schließen, denn ich selbst bin angegriffen durch ein Fieber, und mag doch nicht in der Praxis ausspannen, wenn es mir auch schwer wird. – Frischen Muth zum weiteren Kampfe wünsche ich Dir, und ein kräftigendes Ausruhen in frohen Weihnachtstagen im Kreise Deiner kleinen Familie! –

In alter Freundschaft

Dein R. Hein.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
19-12-1875
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 23517
ID
23517