Hein, Reinhold

Reinhold Hein an Ernst Haeckel, Danzig, 12. Oktober 1869

Lieber Häckel!

Du weißt, daß ich ein sehr aufrichtiger Freund bin, und deshalb kann ich es Dir nicht vorenthalten, daß ich Deinen letzten Brief (vom Jan.) zur Strafe für Dich so lange nicht beantwortet habe, weil es mich gekränkt hatte, daß Du im vorigen Jahre mir die Freude verdorben hattest, Dir meine kleine Familie vorzustellen, indem Du gerade an dem Tage von Jena abreistest, als ich ankam. Ich hätte ja gern meine Reise um einen Tag beschleunigt, wenn Du mir nicht so absagenden Bescheid gegeben, denn es macht sich nicht so leicht mit Kind und Kegel eine so weite Reise. Vielleicht habe ich mich also in so fern getäuscht, als Deine Freude an einem solchen Wiedersehen geringer war, als die Meinige. Vielleicht hat Deine liebe alte Mutter, die ich mit meiner Frau aufsuchte, Dir das schon mitgetheilt. Meinetwegen aber soll dieser kleine Groll vergeben und vergessen sein. ||

Heute habe ich die besondere Absicht, indem ich an Dich schreibe, Dir den jungen Stud. med. Runge aus Stettin zu empfehlen, der Dein Schüler werden will, und dessen sehr liebenswürdige Familie ich näher kenne. Du weißt es ja selbst, wie ihr Professoren durch kleine Rücksichten bei den Demonstrationen, Excursionen, Benutzung der Sammlungen etc. den jungen Leuten förderlich sein und sie anspornen könnt, und mehr erbitte ich von Deiner Freundschaft nicht, in der Hoffnung, daß Du Deine Gunst keinem Unwürdigen zuwendest. –

Mein Leben ist in diesem Jahre bei sehr angestrengter Thätigkeit und stiller Häuslichkeit verlaufen, wie es bei der tiefen Trauer um den Bruder Wilhelm natürlich war. Ich hatte den Sommer über seine Wittwe mit dem Kinde zum Besuch bei mir, und wurde || unser glückliches Zusammenleben nur durch eine ernste Erkrankung meines Walther im Juli auf längere Zeit gestört. Er litt an einer acuten Gehirnaffektion mit Krämpfen und schleichendem Fieber, hat sich aber jetzt in der schönen Seeluft recht erholt. Beide Kinder machen mir die größte Freude und Else, jetzt im 8½ Jahre, geht morgen schon in die höhere Töchterschule. Da Du nun selbst glücklicher Vater bist, wirst Du meine Freuden einigermaßen würdigen können. – Du selbst scheinst, wie das Anschwellen Deiner Opera bezeugt, noch immer fleißig fortzuarbeiten auf schwierigen und interessanten Gebieten, die Dich gewiß noch lange keinen Abschluß werden finden lassen. Sehr gefreut habe ich mich darüber, daß ich auch vom Claparède kürzlich ein Bruchstück aus einer größeren Arbeit || über Acariden in Liebolds u. Kölliker’s Zeitschrift fand, woraus ich entnehme, daß es mit seiner Gesundheit leidlich geht.

Von andern alten Freunden habe ich lange nichts gehört und mag in deren Gedächtniß längst durch neue Freunde verdrängt sein, zumal hier in meinem zwar schönen aber entlegenen Stückchen des Vaterlandes, das selten Jemand zum Vergnügen besucht. Nun bitte ich Dich noch, mich Deiner lieben Frau unbekannter weise zu empfehlen, und nicht ganz zu vergessen

Deinen alten Freund

Reinold Hein.

Danzig d. 12ten October 1869.

Herzliche Grüße an Gerhardt!

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
12-10-1869
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 23515
ID
23515