Hein, Reinhold

Reinold Hein an Ernst Haeckel, Danzig, 3. Dezember 1861

Danzig d. 3t. Decbr. 61.

Mein lieber Häckel!

Du wirst Dich am Ende wundern, von mir einen Brief zu erhalten, aber ich bin der Meinung, es ist besser selten als garnicht an seine Freunde zu schreiben, und hoffe Du wirst es mir unter den Umständen, die für mich in den letzten Monaten gewaltet haben, nicht übel nehmen, daß ich so lange schwieg. Zunächst drängt es mich, einen Vorwurf zurückzuweisen, den Du mir in Deinem Briefe vom 13/8 a.c. machst, als hätte ich absichtlich Dir 2 Monate später als andern Freunden von meiner Verlobung Mittheilung gemacht. Damit verhält es sich nämlich folgendermaßen. Ich schrieb sehr bald nach meiner Verlobung – noch von Marienwerder aus – an unsere Freundin Luise Lachmann nach Berlin und bat sie ausdrücklich, Dir und Deinen Eltern, (mit denen sie – wie ich mir denke – noch in dem alten freundschaftlichen Verhältnisse steht.) meine Verlobung bekannt zu machen und sie auf die Bekanntmachungen in berliner Zeitungen (-„statt besonderer Meldung“-) aufmerksam zu machen. Von Dir konnte ich in der Osterferienzeit nicht vermuthen, ob Du in Berlin, Stettin oder Jena sein würdest. Da ich nun aber auf diesen Brief gar keine Erwiderung erhielt und auch Du kein Lebenszeichen von Dir gabst, so schickte ich Dir noch eine besondere Nachricht zu. ||

Da hast Du also den wahren Grund der Verspätung und wirst sie mir also um so weniger übel deuten. – Zu meiner Betrübniß habe ich aber auch bis jetzt noch immer keine Erwiderung auf jenen oben erwähnten Brief an Frau Lachmann erhalten und fürchte fast, daß er verloren oder nicht an die richtige Addresse gelangt ist. Schon längst hätte ich – um nun unangenehmen Mißverständnissen u. de rgleichen vorzubeugen – ein zweites Mal an sie geschrieben, wenn ich gewußt hätte: wohin? – Leider bin ich hier in meiner ultima Thule so abgeschlossen vom Verkehr mit dem übrigen Deutschland, daß ich garnicht auf den Zufall einer persönlichen Begegnung rechnen kann, und wende mich daher an Dich – zumal da ich mich entsinne von einer Uebersiedelung der Lachmann ʼschen Familie nach Jena gehört zu haben – mit der Bitte, mir Nachricht über den Aufenthalt der armen Wittwe zu geben. Denn ich nehme es ihr nicht übel, wenn sie vielleicht aus Nachlässigkeit mich halb vergessen hat, will aber nicht auf mich den Vorwurf werfen, als hätte ich etwas versäumt um mit der Wittwe meines lieben Freundes in || Verbindung zu bleiben. An Lachmannʼs Eltern hatte ich vor langer Zeit geschrieben u. erhielt einen Brief von der Mutter, aus dem hervorging, daß mein Schreiben wegen unvollkommener Addresse erst einige unangenehme Irrfahrten gemacht habe (– wahrscheinlich zu Lachmann ʼs feindlichem Onkel). Leider hat aber die gute Frau vergessen, mir eine bessere Addresse zu notiren. – Du siehst daraus, daß es mir sehr Ernst ist, die Verbindungen mit meinen guten alten Freunden nicht aufzugeben, wenn es auch in der Natur der Verhältnisse liegt, daß ich nicht häufige oder lange Briefe schreiben kann. Mancher mag fragen, was das für einen Zweck haben kann? – Darauf erwidere ich, daß ich nicht so flach bin, nur in der Gegenwart leben zu wollen, auch wenn dieselbe so angenehm ist, wie die Meinige augenblicklich, sondern daß Vergangenheit u. Zukunft auch zum Leben bei mir stets gehören, und da kann ich nicht wissen ob mir nicht der Zufall Einen oder den Andern wieder zuführt, den ich denn doch nicht als Fremden sondern als alten Freund begrüßen möchte. Aber auch die Vergangenheit hat bei mir große Rechte und an alle meine Freunde knüpft mich ein Dankbarkeitsgefühl, daß mich treibt mit ihnena – so gut es möglich ist – wenigstens in geistiger Verbindung zu bleiben. ||

Endlich muß ich Dir nun noch mittheilen, daß ich hier jetzt Abends in meiner Arbeitsstube in Logis Hundegasse No 124 an meinem Schreibtische sitze und zu meiner Seite ganz stillvergnügt, mit Handarbeit beschäftigt, – mein gutes Weibchen sitzt!

Seit dem 8ten Octo be r bin ich glücklicher Ehemann. In Marienwerder war eine große Hochzeit gefeiert nebst Kulturabend, wobei es recht lustig herging. Meine Schwiegereltern hatten das ganze große Haus voller Gäste und lieben es Andere lustig zu sehen, da sie selbst sehr heitern fröhlichen Temperamentes sind. Das hat meine Helene von ihnen geerbt, u. hilft sich u. mir damit über manchen Berg. Ja! es ist nicht leicht einen Hausstand in einer so großen, theuern Stadt selbstständig zu erhalten! Aber, Gott sei Dank! geht es gut; wenigstens habe ich viel zu thun und bessert sich auch immer mehr die Quali tät der Patienten. – Ich denke, Du mußt nun auch bald mit Deiner Anna in den schönen Hafen einlaufen. Sei nur nicht zu ängstlich! Wenn ihr zusammen 700 rℓ jährlich zu verzehren habt, könnt ihr in Jena dreist anfangen; & wenn Deine Zukünftige eine gute Wirthin ist! –

Ich bitte Dich, mich derselben bestens zu empfehlen, so wie auch Deine lieben Eltern herzlich von mir zu grüßen, u. mir zu schreiben über ihr Thun u. Leben, so wie auch, was Du von Freunden erfährst. –

In alter Freundschaft

Dein Reinold Hein.

(Hundegasse 124)

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Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
03-12-1861
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 23509
ID
23509