Hein, Reinhold

Reinold Hein an Ernst Haeckel, [Danzig], 21. September 1858

Mein lieber Ernst!

Eine große freudige Ueberraschung hat mir Deine heute angelangte Verlobungsanzeige bereitet, und ich glaube Dir meine große, innige Freude über dies Ereigniß nicht besser ausdrücken zu können, als dadurch, daß ich mich augenblicklich (d.h. sobald ich mich nur einigermaßen von dem Schrecke der Ueberraschung erholt habe,) hinsetze, um Dir und Deiner werthen Braut meinen herzlichen, aufrichtigen Glückwunsch schriftlich zu senden!

Ich habe in letzter Zeit mich öfters vergebens bei Leuten die von Berlin kamen nach Deinen Plänen und Aussichten erkundigt, || erfuhr aber nur, daß Dua zu schwach zum Militairdienste befunden seiest u. Dich noch in Berlin aufhaltest. Ich dachte nun schon, von Dir als berühmtem Reisenden am Niger oder Himalaja zu hören, oder von einer Habilitation als Docent, bis mich nun die wenigen, aber Inhaltschweren Worte Deiner Verlobungsanzeige eines Bessern belehren zu wollen scheinen, indem sie Dich als berliner praktischen Arzt bezeichnen. Es würde mich freuen zu erfahren, ob diese meine Vermuthung richtig ist, und ob die Liebe zu Deiner Braut, oder die Liebe zur Praxis Dich bewogen haben die Akademische aufzugeben. Jedenfalls ist es schön, daß || Du eine Befriedigung und ein Glück gefunden hast, dessen Dein Herz vielleicht noch mehr, als Anderer bedurfte.

Wenn ich nicht irre, so ist Deine Braut eine Schwester Deiner Schwägerin und habe ich sie einmal bei euch in der Schifferstraße gesehen, als sie in einem Sommer zum Besuche bei Deinem Großvater war.

Sei es also bekannter- oder unbekannter Weise, jedenfalls bitte ich Dich, Deine liebe Braut freundlich zu grüßen von mir, als Deinem alten Universitätsfreunde. Denn, wenn auch die Verschiedenheit unserer Charaktere uns nicht immer harmoniren ließ, so haben wir doch einen wichtigen Theil unserer Jugend zusammen verlebt, und haben uns wohl gegenseitig soweit schätzen gelernt, um stets einen regen || innigen Antheil an einander auch ferner zu bewahren.

Von meiner Person weiß ich Dir nichts Neues zu erzählen. Ich bin seit dem April im Dienste, habe dabei viel zu thun, und auch jetzt das Manöver (12 Tage) mitmachen müssen. Daneben treibe ich meine Privatpraxis so viel, als b die hier große Concurrenz es gestattet. Im Sommer habe ich auch eine Bearbeitung meiner alten Preißschrift vorgenommen, die Du wohl nächstens in Virchow’s Archiv finden wirst. –

An der großen Freude Deiner lieben Eltern nehme ich von Herzen Theil und bitte sie freundlich von mir zu grüßen!

In Liebe

Dein Reinold Hein

d. 21sten Septbr. 58.

Auch Passows bitte ich herzlich zu grüßen!c

a korr. aus: zu; b gestr.: es; c weiter am linken Rand, quer zur Schreibrichtung: Auch Passows … zu grüßen!

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
21-09-1858
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 23504
ID
23504