Finsterbusch, Ludwig

Ludwig Finsterbusch an Ernst Haeckel, Mülheim an der Ruhr, 20. Oktober 1877

Mülheim a/d Ruhr, den 20. Octbr 1877.

Lieber Ernst!

Noch bevor ich Dir für Dein Corfu gedankt habe, schickst Du eine zweite Schrift, wegen welcher, insofern sie von Dir gesprochen wurde, Du von Virchow bei den Ohren gekriegt worden bist. Herzlichen Dank für Beides. Corfu kam erst längere Zeit nach Ankunft in meine Hände, weil ich dazumalen in der Schweiz war. Ich habe 6 Tage auf Rigi-Clösterli a verlebt, einen Tag in Luzern, einen Tag auf dem Luzernersee bis Fluelen, dann über Brünigpaß nach Interlaken, Lauterbrunnen, von da in 2 wunderherrlichen Tagen bei schönstem Wetter über die Wengern-Alp nach Grindelwald u. andern Tages über die große Scheideck u. Rosenlaui nach Meiringen. Trotz meines Beines diese 2 Touren zu Fuß. || Reisegesellschaft famos. 1) meine Schwägerin, 2) Kopenhagener Dr. medicinae Meier mit Frau, 3) Privatdocent Dr. medicinae Schanta aus Wien u. 4) ein Assistenzarzt aus Halle a/S. bei Volkmann, endlich einen Trierer Kaufmann, welcher die Ausstellung in Philadelphia u. die Sierra Nevada im Westen besucht hatte; alles per Zufall zusammengelaufenes Gesindel, d.h. wissenschaftliches Gesindel (brauchst also nicht so unanständig zu lachen, wie das Deine Gewohnheit ist u. Du wahrscheinlich bei den verschiedenen ungebildeten Völkern in Albanien etc. u. durch Deine antidiluvianischen Kalkschwamm-Meditationen Dir angewöhnt hast). – Du liebes Schindluderchen, was istʼs doch im Hochgebirge schön! Solche Luft hatte ich noch nimmer geathmet; schade, daß man sie nicht in Säcken verschicken kann, die Wissenschaft ist noch sehr zurück, hat noch manche Erfindung zu machen. –

II. Meine Frau konnte nicht mit nach der | Schweiz, war auch schon früher mit Maybach’s bis Luzern u. Altdorf gewesen; ihr Hinderungsgrund ist ihre Baggage oder ihr Gepäck, welches der Klapperstorch etwa im December oder Januar per Bein-biß aus der Wasser- in die Luft-Atmosphäre übersetzen wird. Es geht ihr (nicht der Atmosphäre, sondern meiner Frau) sehr gut, sie macht noch ganz eklig lange Spaziergänge etc. Ernst geht es b auch prächtig; mir übrigens schmeckt kein kleiner Bissen mehr seit der Schweizerluft, sondern nur noch große.

III. Man sagt, oder ich habe gehört, Du kämst dieses Jahr wieder nach Dortmund. Ach, komme dann einmal hierher, dann siehst Du meine neue Familie! u. à propos hier leben in der Tourtia eine Menge Versteinerungen, die Dich am Ende interessiren, d.h. sie leben als Versteinerungen, wie weit dieses Leben her ist, || weißt Du als Jenenser Affen-Professor besser als ich. –

IV. Morgen gehe ich nach Coeln zum Verbandstage der Bildungsvereine vom Rheinland u. Westfalen.

V. Liest Du Dühringʼs Schriften, u. was sagst Du dazu? Siehst Du, um mir das zu sagen, mußt Du schon hierher kommen. Außerdem kannst Du mir dann alles über Deine liebe Frau u. Kinder Wissenswürdigste mittheilen, welche ich herzlichst zu grüßen bitte. Am Mittwoch haben wir hier einen Thüringer Musterzeichner, Seligmannc, zum Vortrag über seine Fußreise, die er 1867-71 von d Gera aus nach dem Schwarzen Meere und durch Klein Asien durch Calmückensteppe etc. gemacht hat. Nun die herzlichsten Grüße von Haus zu Haus.

Dein alter Freund

Finsterbusch.

a gestr.: zu; b gestr.: fa; c eingef.: Seligmann; d gestr.: Gera

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
20-10-1877
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 2339
ID
2339