Finsterbusch, Ludwig

Ludwig Finsterbusch an Ernst Haeckel, Mülheim an der Ruhr, 29. Oktober 1876

Mülheim a/d Ruhr, den 29. Octbr 1876.

Lieber Ernst!

Im Mai habe ich Dir die beiden Werke über die Korallen und den Atlas zu den Radiolarien zurückgeschickt. Ich habe vorausgesetzt, daß sie in Deine Hände gekommen sind, sonst würdest Du eine Sommation oder ein energisches Ultimatum herzuschicken nicht unterlassen haben. Nichts destoweniger will ich mich dessen vergewissern. Denn ich habe damals sie gegen Postschein mit einer Werthsumme abgeschickt, und dieser Schein erlischt in der nnächsten Zeit (nach 6 Monaten). Antwortest Du mir auf diesen Brief nicht, so bin ich beruhigt und nehme an, daß Alles in Ordnung ist.

Vergangenen Sommer u. Herbst hätte ich zweimal | große Lust gehabt, Dich flüchtig zu begrüßen. Neulich vor drei Wochen bin ich durch Großheringen gekommen und sahe mit Wehmuth auf den Weg zu Dir, ebenso in Weimar. Ich war in Merseburg, da meine Mutter, meine liebe Mutter gestorben ist. Schon in den Ferien wurde sie krank an der rothen Ruhr und konnte sich nicht erholen. Und nun ist sie im Alter von 67 Jahren heimgegangen. Bei dieser Gelegenheit war meine Zeit sehr karg bemessen, da ich dort die Verhältnisse für meine unverheirathete Schwester rasch zu ordnen hatte. Sie bleibt in dem Hause wohnen und bin ich recht froh, daß es möglich war es so einzurichten, daß sie das Haus behaupten kann. Dagegen in diesen Sommerferien vom 19. August bis 25. September war Dir ein flüchtiger Besuch alles Ernstes zugedacht. Ich war mit meiner Frau und Ernst in Ruhla, traf dort gerade ein, als || das entsetzlich heiße Wetter umschlug und so fanden wir uns in unsern Erwartungen allerdings etwas getäuscht. Trotzdem war eine Woche lang das Wetter erträglich und erlaubte umfangreiche und genußreiche Fußtouren; darauf aber wurde es mir doch zu schlimm, und wir fuhren nach Merseburg, wo acht Tage großer Aufregung durch die Anwesenheit des Kaisers und das Maneuvere a ein ganz anderes Bild boten, als der stille Wald bei Ruhla. Wäre das Wetter gut geblieben, so wäre ich noch auf 8 Tage nach Ilmenau gegangen, dann durch das Schwarzathal, und so erst mit der Saalbahn nach Merseburg gefahren, u. auf dieser Tour hätte es weder meine Frau noch ich übers Herz bringen können, einen Zug in Jena zu überschlagen u. Dein Heim anzusehen. Es wurde nichts, und so schicken wir denn die Begrüßung Deiner Frau und Kinder hiermit schriftlich. Es geht doch in Deiner Familie gut und Deiner lieben Mutter?

Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus

Dein Ludwig Finsterbusch.

a gestr.: stat

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
29-10-1876
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 2338
ID
2338